Einst waren es die edlen Indianer, die idealisiert wurden. Heute sind es die «hoch spirituellen» Tibeter, deren Land von den Chinesen besetzt wurde. In diesem verlorenen Paradies würden allerdings die wenigsten von uns leben wollen. Zu diesem Schluss kam ich nach der Lektüre von Yangzom Brauens Buch «Eisenvogel» (Heyne Verlag, München 2009) über den Lebensweg von drei tibetischen Frauen: Grossmutter, Tochter, Enkelin.
Die Grossmutter ist eine Nonne, konnte aber trotzdem zusammen mit einem Mann, notabene mit einem Mönch, eine Familie gründen. Und ich höre schon die begeisterten Schreie über diese «Fortschrittlichkeit». Nix da! Es war schon eine Ausnahme, dass eine Frau überhaupt Nonne werden durfte. Gewaltige Klassenunterschiede gab es nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Reichen und Armen. Mit dem perfiden Zusatz, dass sie als gottgegeben beziehungsweise als selbstverschuldete Folge des eigenen Karmas galten und somit auch nicht verändert werden mussten. Nicht die Reichen gaben den Armen, sondern die Armen den Reichen. Sie dienten ihnen zu und arbeiteten wie Leibeigene. Damit konnten sie ihr künftiges Karma verbessern. Es handelte sich also um eine Art spirituellen Materialismus. Und je mehr Gebete, umso besser die Wiedergeburt.
Die Grossmutter betet quasi rund um die Uhr, weil sie es – verständlich! – einmal besser haben möchte. Als die Chinesen kamen, floh sie mit ihrer Familie und einer Gruppe von Tibetern über den Himalaja nach Indien. Ihre Tochter war damals sechs Jahre alt. Sie fiel unterwegs in eine Gletscherspalte. Die Mutter merkte es nicht. In einem Akt der Verzweiflung konnte sich das Kind doch noch befreien und rannte der Gruppe hinterher. Die Mutter hatte es nicht mal vermisst.
Jetzt könnten fromme Menschen natürlich einwenden: Gerade weil die Grossmutter pausenlos betete, hievten die Engel (oder wer im Buddhismus dafür zuständig ist) das Kind wieder aus der Gletscherspalte. Andere würden vielleicht sagen, dass die Grossmutter schon so vergeistigt war, dass derart irdische Unfälle sie nicht mehr berührten. Das hätte ich ihr auch sehr gegönnt, denn sie verlor drei ihrer vier Kinder.
Im indischen Exil liess sich die fromme Grossmutter zeitweise von einer reichen Tibeterin ausnutzen, arbeitete und putzte für diese, ohne etwas dafür zu erhalten. Darum merkte sie auch die längste Zeit nicht, dass die kleine Tochter völlig verlaust und mit Wunden übersät war. Sie ging völlig im Dienst an der reichen Frau auf. Die Tochter aber entwuchs dieser devoten Frömmigkeit. Sie heiratete einen Schweizer und entsetzte sich während eines Besuchs beim Dalai Lama in dessen indischen Exil über das Verhalten der reichen Tibeter, die indische Kinder rund um die Uhr für sich arbeiten liessen, während sie ihre eigenen Sprösslinge auf teure englische Internate schickten.
Wie ist das jetzt mit der Spiritualität? Wie überall. Es gibt Fromme – und es gibt Frömmler. Es gibt Mitgefühl, und es gibt Machtmissbrauch.
Auch in fernen Paradiesen.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein
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