Es fällt zu Beginn leicht, einer strengen Diät zu folgen. Der schnelle Erfolg scheint garantiert, die Regeln sind klar, die Selbstaufmerksamkeit ist erhöht, also los geht’s! Schon bald stellen sich erste Erfolge ein. Doch nach und nach überfallen uns Gelüste auf Verbotenes, da der Appetit durch ein latentes Hungergefühl gesteigert wird. Das Sportprogramm zur Fettverbrennung ödet an. Schlagen wir mal über die Stränge, schert gleich auch der Zeiger der Waage aus, weil oft kurzfristig nur Wasser verloren wurde. Ausserdem droht der Jo-Jo-Effekt, wenn nach der Diät wieder wie vorher gegessen wird. Was läuft hier falsch?
«Du siehst sehr gut aus, deine Haut sieht frisch aus, hast du abgenommen?» In letzter Zeit werde ich oft auf meine körperliche Erscheinung angesprochen. Ja, ich habe abgenommen. Doch vor allem hat sich die Art und Weise verändert, wie ich mit mir umgehe und wie meine inneren Dialoge ablaufen. Das ging nicht von heute auf morgen. Seit drei Jahren findet in meinem Leben ein interessanter und völlig müheloser Prozess statt: Ich finde mehr und mehr heraus, was mir gut tut, und entdecke Wege, dies auch umzusetzen. Es gelingt mir, Dinge dauerhaft zu ändern – weil ich bereits während des Ausübens spüre, wie gut mir das neue Verhalten tut.
Seit einem Jahr gehe ich häufig und mit Genuss ins Fitnesstraining, was früher unvorstellbar gewesen wäre. Ich habe eine orientalische Tanztechnikausbildung abgeschlossen und beim Improvisieren meinen eigenen afro-orientalischen Tanzstil entwickelt. Doch das ist noch nicht alles.
Ich habe eine Ernährungsweise auf mich persönlich zugeschneidert und dabei neue intensive Genüsse entdeckt. Langsam und stetig nehme ich ab. Meine diaita, meine Lebensweise passt zu mir, weil sie mit mir durchs Leben fliesst wie Wasser, das sich seinen Weg durch die Landschaft sucht.
Es ist verrückt, wir alle kennen die drei Begriffe «Ernährung, Bewegung, Entspannung». Wir alle wissen, was eine gesunde Lebensweise wäre, doch wie schwierig ist es, auch nur etwas davon in unserem Leben dauerhaft umzusetzen?
Wie der Weg mich fand
Nachdem mehrere Trainingsversuche mit Jogging im Sande verliefen, schlug ich mir eines Tages vor, jeden Morgen nur eine kleine Runde durch den Wald hinter unserem Haus zu drehen. Wenig Bewegung ist ja besser als gar keine Bewegung. Ich genoss die Spaziergänge an der frischen Luft und liess mir dabei noch gratis von den Kieselsteinen die Fusssohlen massieren. An einer Weggabelung entschied ich dann jeweils, ob ich noch weiter spazieren wollte. Das war manchmal so, manchmal aber auch nicht. Bei der grösseren Runde, die steil bergauf führte, kam ich jeweils ins Schwitzen und verfiel in einen angenehmen Rhythmus. Das fühlte sich gut und erfrischend an. Seltsamerweise fühlte ich mich dabei plötzlich fit, auch wenn ich zu Beginn eigentlich Trägheit empfunden hatte. Auf einem der Spaziergänge fragte ich mich, wie ich mich bewegen würde, wenn ich schlank wäre. So schlank, dass ich gar keine Bewegung nötig hätte: Ich würde mich auf den Baumstamm dort setzen und mein Gesicht in die Sonne halten, dann auf dem warmen Stamm balancieren. Oder ich würde locker traben, vor Übermut einen Luftsprung machen oder wie ein junges Pferd davongaloppieren – keine Pulsuhr würde mir vorschreiben, wie schnell ich zu rennen hätte. Welche Befreiung! Diese Frage und die auftauchenden Antworten waren für mich wie eine Initiation.
Sinnliches Körpergefühl
Mit der Zeit entdeckte ich, dass jede Bewegung wie eine Massage für den ganzen Körper ist. Manchmal soll sie fein und zart sein wie Gras, das mir der Wind über die Haut streicht; manchmal heftiger, damit der Körper ins Schwitzen kommt, damit ich meine Muskeln spüre und sie lustvoll herausfordere. Manchmal möchte ich mich dehnen, dann wieder zusammenziehen – und ich tue es, weil mein Körper es geniesst. Im afrikanischen Tanz fasziniert mich das Leidenschaftliche und Beschwingte der Musik, meine Muskeln hungern danach, sich auszupowern. Im orientalischen Tanz entdeckte ich die Selbstmassage durch binnenkörperliche Bewegungen. Die Wirbelsäule wird zur aufrechten Schlange in der Körpermitte, die sich drehen, winden und beugen kann. Die neu entdeckte Körperhaltung trägt zudem zur Stabilität und Entspannung bei und reicht bis weit in den Alltag hinein. Am meisten liebgewonnen habe ich aber das Ausdauertraining im Fitnesscenter. An einem der Ausdauergeräte führe ich die immer gleiche Bewegung aus, schliesse dabei die Augen, tauche in die Musik ein und sehe dann meinen Körper von innen.
Indem ich also auf die Bedürfnisse des Körpers hörte und ihn zu nichts zwang, wuchs die Lust auf Bewegung. Sie wurde zu einem Teil meines Lebens – es zieht mich zu ihr hin. Indem ich mir ein flexibles Programm entwarf, das ich mein Leben lang beibehalten kann, war ich ja schon am Ziel. Ich vereinbarte mit mir, dass meine Bewegungsart so leicht sein soll, dass ich sie immer noch steigern könnte.
Das Ziel als Weg
Mit dem neuen Körpergefühl wurde mir etwas Seltsames bewusst: Nachdem ich mich bewegt hatte, fühlte ich mich schlank und attraktiv, auch wenn das Spiegelbild dazu eine andere Sichtweise anbot. Durch das neu erlangte Körperbewusstsein stand ich anders in der Welt und bemerkte, dass ich mich auch selbstbewusster auf andere zu bewegte.
«Aha, das innere Körperempfinden ist wichtiger als das Spiegelselbst!», sagte ich zu mir. Wenn ich mich attraktiv fühle, dann bin ich es auch. Daraus schloss ich, dass ich jeden Tag von Neuem dafür sorgen werde, mich attraktiv zu fühlen. Von innen her. Die Spiegelfrage löste ich damit, dass ich einzelne Körperteile von mir, die mir bereits gefielen, mit Schmuck oder schönen Stoffen betonte, damit diese zum Blickfang wurden, und nicht die Bereiche, mit denen ich noch nicht so ganz glücklich war.
Diese Erkenntnis muss auch auf meine Ernährung übertragbar sein, fand ich. Ich möchte mich so ernähren, wie wenn ich nicht abnehmen müsste.
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Michelle Graf ist Psychologin, Beraterin und freiberufliche Tanzlehrerin. Sie arbeitet an einem
Buchprojekt und sucht dazu Kontakt mit Leuten, die ähnliche Erfahrungen mit langfristigen
Verhaltensänderungen gemacht haben.
michelle.graf@sunrise.ch
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 95 Frühling 2010
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