Das Thema war überfällig. Vor einiger Zeit habe ich selber versucht, es zu lancieren. Mit mässigem Erfolg. Auch zwanzig Jahre nach des Meisters Tod scheint sich in der Einschätzung seiner Person und seines Wirkens in den Köpfen vieler, die ihm damals folgten, aber auch derer, die sich ihm vehement widersetzten, nicht viel bewegt zu haben. Das ist höchst merkwürdig. Unter dem Titel "Wer war Osho?" ( http://www.spuren.ch/news_comments/812_0_3_0_C/ ) veröffentlichte ich an dieser Stelle einen kurzen Aufruf und erntete damit einige aufrichtige Reminiszenzen von Menschen, die sich vom indischen Guru zu dessen Lebzeiten im Herzen hatten berühren lasssen. Eine neue Bestimmung von Licht und Schatten dieser vielschichtigen Gestalt ist bis dahin jedoch ausgeblieben.
Vielleicht gelingt dieser Anstoss nun Sabine Gisiger und Beat Häners Guru – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard. Der Dokumentarfilm der beiden erfahrenen Regisseure hat jedenfalls das Zeug dazu: exzellentes Filmmaterial aus der bewegten Geschichte des umstrittenen indischen Mystikers und zwei Zeitzeugen, die ihn jahrelang ganz nah begleiteten: Sheela Birnstiel (im Bild mit Osho) und Hugh Milne.
Gegen die Auswahl dieser beiden Exponenten mag man einwenden, sie seien voreingenommene Gesprächspartner, da sie sich einst unter Getöse vom Guru abwandten. Dieser Einwand entspricht jedoch einem Freund-Feind-Schema von vorgestern, und er sollte niemand davon abhalten, diesen zwei Menschen sein Ohr zu leihen. Was die zu sagen haben und in diesem bemerkenswert unaufgeregten Film in ruhiger Weise auch sagen können, sind differenzierte Äusserungen, die ein Licht werfen hinter die Kulissen und geeignet sind, die Diskussion über die Schatten, die dadurch umso deutlicher sichtbar werden, weiterzuführen.
Sheela gilt unter überzeugten Anhängern noch heute als Inkarnation des Bösen, und als solche wurde sie vom Guru nach ihrem überstürzten Abgang auch dargestellt. Die Wahrheit der heute 60-jährigen Inderin, die für mehrere Straftaten 29 Monate in einem US-Gefängnis sass, seitdem aber in der Schweiz lebt und erfolgreich zwei Pflegeheime betreibt, ist eine andere. Sie habe den Guru stets geliebt, nie ohne dessen Einverständnis gehandelt und sich gelegentlich selber über die Geschäftstüchtigkeit gewundert, mit der er seine Anhänger ausnahm. Oshos Anschuldigungen an sie bezeichnet Sheela – meines Wissens in diesem Film zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit – als infame Lügen.
Zugleich schwelgt sie wie auch Hugh Milne in Erinnerungen an die goldene Anfangszeit in Bombay und Poona. Shree Rajneesh, den sie damals Bhagwan nannten, begeisterte mit seiner schieren Präsenz, mit Witz und zündenden Reden. Sein erstes Buch Vom Sex zum kosmischen Bewusstsein machte ihn in Indien zum Star. In diesen Mann verliebten sich die spirituellen Sucherinnen und Sucher aus dem Westen reihenweise, in seiner Nähe wollten sie ewig bleiben. Die Schar der Neo-Sannyasins in Poona schwoll zeitweilig an auf 5000 Besucher, die Zimmer wurden genutzt in Dreier-Schichten. Die Kommune, an deren Wachstum dem Guru offenbar so viel lag wie am Unfang seiner legendären Rolls-Royce-Flotte, verstand sich als einzigartiges Experiment einer Vermählung von Materie und Geist.
Wann und wie begann es schief zu laufen? Die Frage bildet den roten Faden dieses lehrreichen Films. Hugh Milne deutet in seinen dem Leben und einer schweren Krise abgerungenen Ausführungen jedoch an, dass die Suche unter solchen Vorgaben zu kurz greift. Vermutlich litt das Experiment an einem Geburtsfehler, der es von vornherein zum Scheitern verurteilte: Die kollektive Projektion auf eine einzige vermeintlich erleuchtete Lichtgestalt liess die Bewegung von Oshos Neo-Sanyasins Schatten verdrängen, die schliesslich im Zusammenbruch der Stadt-Ranch in Oregon offenkundig wurden.
Wollen wir daraus Lehren ziehen, sollten wir nicht länger über die enigmatische Persönlichkeit des Gurus rätseln, sondern uns beherzt jenen Anteilen in uns zuwenden, aus denen wir spirituelle Lichtgestalten konstruieren und sie hoch über uns auf ein Podest stellen. Sheela Birnstiel und Hugh Milne tun das zumindest ansatzweise. Offensichtlich sind sie beide noch immer befangen zwischen der Ekstase von einst und der Ernüchterung, die unweigerlich folgte. Das entspricht summa summarum wohl der Verfassung vieler von Oshos einstigen Sannyasins. Sie hängen alten Zeiten nach, die vielleicht gar nie «gute alte Zeiten» waren. Gerade damit ist eine Wahrheit ausgedrückt, die vom Meister eben nicht zu haben war.
Martin Frischknecht
Guru, 98 Minuten, ab 29. April im Kino
www.gurufilm.ch/
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein
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