In einem Blumenkistchen auf der Veranda blühen dunkelrote Dahlien. Wenn die Sonne auf die Blüten scheint, erglühen sie wie Feuer. Ein toller Anblick, denke ich – und stutze. Etwas bewegt sich auf einem Blütenblatt, dessen vollkommene Form von kleinen Zacken unterbrochen ist. Da mampft etwas tief zufrieden vor sich hin. Es ist eine kleine braun bepelzte Raupe mit vier leuchtend gelben Punkten auf dem Rücken.
Muss ich jetzt den blumigen Sonnenuntergang bedauern? Ach was! Ich meditiere einfach über die Einheit allen Seins und schaue der Raupe bei ihrem Festmahl zu. Schade nur, dass ich sie vermutlich nie vorbeifliegen sehe, wenn sie sich in einen Schmetterling verwandelt hat. Ob dann das Dunkelrot der Dahlienblüte in ihren Flügeln aufscheint?
Schon stürmt der nächste Gast das Vegi-Restaurant. Anmutig saugt eine grosse Heuschrecke goldgelben Blütenstaub und wischt sich immer wieder mit den Fühlern das Gesicht ab. Am liebsten hätte ich ihr eine Serviette gereicht.
Leider machen auch die Schnecken nicht Halt vor der Steilwand meiner Veranda. Wahrscheinlich haben sie Steigeisen eingebaut oder eher noch einen Alleskleber, mit dem sie vermutlich auch die Eigernordwand bezwingen würde, wenn oben etwas Kulinarisches zu holen wäre. Da ist mein Angebot natürlich doch noch nahe liegender und erst noch gratis. Bezahlen tut in diesem Fall die Wirtin, nämlich ich, die ich die schönen Dahlien teuer berappen musste. Dafür wird mir live etwas geboten.
Die Wüste lebt!
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein
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