Wer sich Erleuchtung wünscht, hat schon verloren. Das sagen alle Lehrer. Gerade das Wünschen hält von der Erkenntnis ab, dass alles bereits hier ist: Frieden, Liebe, Gott und was es sonst noch Schönes gibt. Alles ist da. Allerdings gibt es Leute, wenige, die das geschnallt haben. Und viele, mich zum Beispiel, die das partout nicht kapieren.
Mir geht das nun schon viele Leben so. In meinem vorletzten Leben - von meinem letzten rede ich nicht, es ist zu peinlich - huldigte ich einem Lehrer namens Brahmananda Saraswati. Als ich ihn kennen lernte, war er so alt, dass er keine Schüler mehr annehmen wollte. Er hatte noch einen rührend naiven Diener, Mahesh genannt, der ihm die Füsse wusch und einen grauen Brei kochte, von dem der Meister maximal zwei Löffel zu speisen pflegte.
Ich bat ihn, wenn schon nicht als Schüler, dann wenigstens als zweiter Diener angenommen zu werden. Ich könnte Holz hacken. Er war zu müde, um abzulehnen. Es war ein hartes, karges Dasein. Damals war ich überzeugt, Askese und Meditation könnten zu wunschlosem Frieden führen. Und tatsächlich glaubte ich nach drei Jahren, dem Ziel näher gekommen zu sein.
Da kündigte unser Lehrer an, er werde seinen Körper demnächst für immer verlassen. Zuletzt hatte er jeden Tag stundenlang leblos dagesessen. Wir nahmen an, dass er in diesen Stunden anderswo weilte. "Dann bin ich vollkommen bei Gott", bestätigte er. "Und bald werde ich ganz bei ihm sein." Ich wechselte einen Blick mit Mahesh. "Eine kleine Frage, Meister", sagte ich dann. "Könnt ihr bei so einer Gelegenheit Gott mal fragen, wie lange wir noch auf die Erleuchtung warten müssen?"
Als unser greiser Lehrer einen Tag später aus seinem Samadhi zurückkehrte, hatte er die Antwort. Zum ersten Mal legte er mir segnend die Hand aufs Haupt. "Du Glücklicher musst nur noch zwei Leben warten, bis du die Einheit mit Gott erfährst", sprach er gütig. Shit, dachte ich, zwei lange Leben! Und immer in Askese? In dieser öden Meditation?
"Und ich?", fragte Mahesh. "Wie lange muss ich noch warten?" Der Meister seufzte betrübt. "Siehst du den Baum da?" Klar sah Mahesh den Baum. Unter dem meditierten wir immer. "Bei dir dauert es noch so viele Leben, wie Blätter an diesem Baum sind!" Das war nun allerdings die Härte! Niemand hätte die Blätter zählen können! Mahesh glotzte in die rauschende Krone und lachte dann. "Was für ein herrlicher Baum!", rief er. "Und was für viele prachtvolle Blätter!" In diesem Moment fuhr ein gewaltiger Wind durchs Tal, und eine Böe fegte mit einem Mal alle Blätter vom Baum. Wow. Mahesh war erleuchtet. "Super gemacht, Meister", sagte ich deprimiert und: "Glückwunsch, Mahesh." Aber das half auch nichts mehr.
Mahesh zog als Maharishi Yogi in die Welt, heimste jede Menge Anbetung und Zaster ein, und ich bin heute noch so arm und unerleuchtet wie damals.
Mittlerweile habe ich unter vielen Bäumen gestanden und lauthals gerufen: "Was für schöne Blätter!" Geholfen hat es nie. Wenn man es will, klappt es eben nicht. So lange man es wünscht, wird es nicht erfüllt. Erst wenn man nichts will und nichts wünscht, dann klappt es. Aber dann legt man ja auch keinen Wert mehr darauf. Blöde Erleuchtung.
Dietmar Bittrich (www.dietmar-bittrich.de) hat sich als Schriftsteller bekannt gemacht mit Das Gummibärchen Orakel. Mit Christian Salvesen veröffentlichte er kürzlich Die Erleuchteten kommen, einen Report über die Satsang-Szene.
Erschienen in SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein Nr. 67 Frühling 2003
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