Buchauszug von:
Das Evangelium des Thomas
Jean-Yves Leloup übersetzt und kommentiert
Logion 42
Jesus sprach:
Seid Vorübergehende!
Das Thema des Vorübergehens oder des Passah ist im Christentum wichtig (das Hebräische peschar, passah, bedeutet «vorübergehen»). Wir sind Pilger und Vorübergehende auf dieser Erde. Wir sind auf der Durchreise. Man baut sein Haus nicht auf einem Weg oder auf einer Brücke. Man muss vorübergehen. Die Jahre vergehen. Alles vergeht. Was verginge nicht?
Psychologisch gesehen ist es bereits ein Zeichen von geistiger Gesundheit, wenn man sich als «vor-übergehend» betrachte: Das entspricht einfach der Wirklichkeit. Zu wissen, dass dieses unerträgliche Leiden «vorübergehen» wird, macht es schon gleich erträglicher. Zu wissen, dass dieses faszinierende Vergnügen «vorübergehen» wird, macht uns ihm gegenüber freier und wir werden weniger traurig sein, wenn es sich verabschiedet.
Die Geschichte des Königs, der eines Nachts träumte, er besäße einen wundersamen Ring, dürfte bekannt sein. Wenn er deprimiert oder unglücklich war und den Ring betrachtete, entstand eine große Ruhe in ihm. Wenn er begeistert war oder sich zu überschwänglichem Jubel hinreißen ließ und den Ring betrachtete, entstand wiederum eine große Ruhe in ihm, und seine Freude wurde friedlich. Am Morgen, nachdem er erwacht war, trug er seinen Dienern auf, einen solchen Ring für ihn anfertigen zu lassen oder einen entsprechenden Ring irgendwo in seinem Königreich aufzutreiben ...
Nach langer Suche fanden die Diener endlich diesen Ring am Finger einer alten Frau, die äußerlich gesehen nicht als jemand «Außergewöhnliches» erschien. Sie war einfach nur von einer heiteren Gelassenheit. Nur zu gern überließ sie dem König ihren Ring. Die magische oder wundersame Wirkung setzte sofort ein. Nach einigen Tagen schien der König von seinen manisch-depressiven Anfällen, von dieser Abfolge von Überschwang und Depression, befreit zu sein. Jenseits von Lachen und Weinen entdeckte er die Großartigkeit und die Schönheit des Lächelns.
Auf der Innenseite des Rings stand in goldenen Lettern eingraviert: «Auch dies wird vergehen.»
Es ist gut, sich an diesen kurzen Satz zu erinnern, wenn man in einem Krankenhausbett liegt: «Auch dies wird vergehen», oder wenn man sich nicht aus der Umarmung eines geliebten Menschen losreißen mag, weil das Glück so groß ist: «Auch dies wird vergehen.»
Der Versuch, den Wechsel von Ebbe und Flut des Lebens aufzuhalten, ist das, was Leiden verursacht. Es geht darum, das gehen zu lassen, was geht, in dem zu verweilen, was verweilt.
«Seid Vorübergehende!» bedeutet auch, auf dem Weg zum anderen Ufer zu sein, von der Finsternis ins Licht, aus dieser «Welt» zum Vater, wie Jesus es ausdrückte. Von dem, was vergeht, zu dem zu gehen, was nicht vergeht, zu dem ungeborenen Leben zu erwachen, am anderen Ufer seiner selbst aufzuerstehen. Man sagte vom heiligen Bernhard, er habe das Gesicht eines Menschen, der nach Jerusalem zöge – das Gesicht eines Vorübergehenden mit einem unheimlich aufmerksamen Blick.
Ein Vorübergehender sieht alles zum ersten und zum letzten Mal. Er wendet sich nicht um. Er genießt jeden Augenblick als den Ort selbst des Übergangs zum gegenwärtigen Ewigen.
Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte man einen Spruch, der in arabischen Buchstaben auf dem Portalvorbau der alten Stadt Fatehpur Sikri eingraviert war, die der Großmogul Akbar der Gerechte im Süden von Delhi erbaut hatte, – ein Echo unseres Logion:
Jesus, der Friede sei mit Ihm, sagte:
Die Welt ist eine Brücke –
Gehe hinüber,
aber baue nicht dein Haus darauf.
Diese Zeile, die immer Jesus zugesprochen wird, wird von mehreren muslimischen Autoren zitiert, darunter Al-Ghazali (1059–1111).
| Auszug aus:
Das Evangelium des Thomas
Jean-Yves Leloup übersetzt und kommentiert
Erschienen im Verlag Edition SPUREN
© SPUREN |
SPUREN
Rudolfstrasse 13
CH-8400 Winterthur
Tel. 052 212 33 61 - Fax 052 212 33 71
info@spuren.ch - www.spuren.ch |
| Home |