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Ross W. Greene
 

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  Edition SPUREN Buch-Auszug
 
Das explosive Kind
Ross W. Greene
«Nein, nein, nein! Das will ich nicht. Ich will das dort, und zwar jetzt!» Sie sind stur, sie beharren auf ihren fixen Ideen, und wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen können, rasten sie aus – krawumm!
Kleine Tyrannen seien früh in die Schranken zu weisen, lautet der wohlfeile Rat, solchen Kindern sei der Meister zu zeigen. Doch die Eltern von starrköpfigen, leicht zu frustrierenden Kindern wissen, dass eine harte Hand hier nicht weiter hilft.
Ross W. Greene geht davon aus, dass Kinder es gut machen, wenn sie dazu in der Lage sind. Explosive Kinder brauchen eine vorausblickende Begleitung, um einen Weg aus dem Gefängnis ihres Starrsinns zu finden. Plan B zeigt, wie das geht.
Aus dem amerikanischen Englisch von Oliver Fehn
Gebunden, 314 Seiten, Fr. 26.–, ISBN 978-3-905752-25-0


Buchauszug

Das Waffel-Drama

Die elfjährige Lisa wacht auf, macht ihr Bett, sieht sich prüfend in ihrem Zimmer um, ob alles an seinem Ort ist, dann geht sie in die Küche, um sich ihr Frühstück zu machen. Sie guckt in den Gefrierschrank, holt eine Packung gefrorener Waffeln heraus und zählt nach: sechs Stück. «Also habe ich heute Morgen drei Waffeln und morgen früh noch mal drei», denkt sie bei sich, dann bäckt sie drei Waffeln und setzt sich hin, um diese zu essen. Wenig später betreten ihre Mutter und ihr fünfjähriges Brüderchen Heiko die Küche, und die Mutter fragt Heiko, was er gern zum Frühstück hätte. Heiko antwortet: «Waffeln», und die Mutter greift in den Gefrierschrank, um die Waffeln herauszuholen. Lisa, die alles genau mitbekommen hat, explodiert.

«Er kriegt die gefrorenen Waffeln nicht!», schreit sie, und ihr Gesicht läuft sofort rot an.
«Warum nicht?», fragt ihre Mutter mit erhobener Stimme. Lisas Verhalten ist ihr unerklärlich.
«Weil ich diese Waffeln morgen früh essen werde!», schreit Lisa und springt von ihrem Stuhl auf.
«Ich sag aber zu deinem Bruder nicht, dass er keine Waffeln kriegt!», brüllt die Mutter zurück.
«Er kriegt sie nicht!», schreit Lisa, die ihrer Mutter jetzt Auge in Auge gegenübersteht.
Die Mutter, die genau weiß, welche körperlichen und verbalen Aggressionen ihre Tochter in solchen Momenten an den Tag legen kann, fragt Heiko verzweifelt, ob er sich auch was anderes zum Frühstück vorstellen könnte.
«Nein, ich will Waffeln», fiept Heiko und verkrümelt sich hinter seiner Mutter.

Lisa, deren Frustration und Erregung jetzt den Höhepunkt erreicht haben, schubst ihre Mutter beiseite, greift sich die Packung mit den gefrorenen Waffeln, knallt den Gefrierschrank zu, stößt einen Küchenstuhl um, packt ihren Teller mit den gebackenen Waffeln und schleicht auf ihr Zimmer. Ihr Bruder und ihre Mutter beginnen zu weinen.

Buchstäblich Hunderte solcher Explosionen mussten Lisas Familienangehörige schon über sich ergehen lassen. Bei vielerlei Anlässen sind die Explosionen noch anhaltender und intensiver und mit noch mehr körperlicher oder verbaler Aggression verbunden als im oben geschilderten Fall (als Lisa acht war, trat sie einmal im Familienauto ein Fenster ein). Von Ärzten wurde Lisa schon eine Unzahl von Diagnosen gestellt: oppositionelle Verhaltens­störung, manisch-depressive Erkrankung, Wutsyndrom. Für Lisas Eltern jedoch lassen sich die Turbulenzen, der Aufruhr und die Traumata, die ihre Ausbrüche in der Familie auslösen, nicht einfach mit einem Etikett versehen. Es hilft ihnen auch nicht zu verstehen, wie sie ihr am besten helfen können.

Und die Geschwister und ihre Mutter haben Angst vor Lisa. Ihre extreme Launenhaftigkeit und Unbeugsamkeit verlangen ihrer Mutter und ihrem Vater ein hohes Maß an Wachsamkeit und gewaltig viel Energie ab. Lisa nimmt für sich sämtliche Zuwendung in Anspruch, woran ihre Eltern gerne auch ihren Bruder und ihre Schwester teilhaben ließen. Nicht selten streiten ihre Eltern sich darüber, wie man Lisas Verhalten am besten in den Griff bekommen könnte; einig sind sie sich zumindest darüber, dass Lisa ihrer Beziehung einen gewaltigen Stress aufbürdet. Sie hat keine engen Freunde. Kinder, die sich zunächst mit ihr anfreunden, finden ihre starre unflexible Persönlichkeit schon nach kurzer Zeit schwer zu ertragen.

Im Laufe der Jahre haben Lisas Eltern Hilfe gesucht bei zahllosen Experten für Verhaltensstörungen. Meist riet man ihnen, der Tochter striktere Grenzen aufzuerlegen, ihr Verhalten konsequenter zu ahnden; und man brachte ihnen bei, wie man formale Strafe-und-Belohnungs-Strategien anwendet, gewöhnlich in Form von Bonus-Malus-Regeln und von Ausgangssperren. Da diese Strategien keine Früchte trugen, wurden Lisa verschiedenste Medikamente in den unterschiedlichsten Kombinationen verschrieben, allesamt ohne nennenswerte Wirkung. Nach acht Jahren, angefüllt mit diversen Ratschlägen, strikteren Grenzziehungen, Motivationsprogrammen und Medizin, unterscheidet Lisa sich noch immer kaum von dem Kleinkind, das sie war, als ihre Eltern erstmals bemerkten, dass mit ihr etwas «nicht stimmte». Tatsächlich sind ihre Wutausbrüche jetzt noch schlimmer, und sie kommen häufiger vor als je zuvor.

«Die meisten Menschen können sich gar nicht vorstellen, wie demütigend es ist, wenn man sich vor der eigenen Tochter fürchtet», sagte Lisas Mutter einmal. «Wer keine Kinder wie Lisa hat, hat keine Ahnung, was für ein Leben das ist. Glauben Sie mir, das ist es nicht, was ich mir vorgestellt hatte, als ich davon träumte, Kinder zu haben. Es ist ein Albtraum.»

«Sie können sich nicht vorstellen, wie peinlich es ist, wenn Lisa in Gesellschaft von Menschen, die sie nicht kennt, plötzlich ausrastet», fuhr ihre Mutter fort. «Ich würde dann gern zu den Leuten sagen: ‹Zu Hause habe ich zwei Kinder, die sich nicht so benehmen – ich bin wirklich eine gute Mutter!›»
«Ich weiß, die Leute denken: ‹Was muss die für erbärmliche Eltern haben ... was dieses Kind wirklich braucht, ist eine gehörige Tracht Prügel.› Glauben Sie mir, wir haben bei Lisa alles versucht. Aber niemand war fähig, uns zu sagen, wie wir ihr helfen können ... keiner war wirklich in der Lage, uns zu sagen, was mit ihr los ist!»

«Ich hasse das, was aus mir geworden ist. Ich hielt mich immer für eine nette, geduldige und einfühlsame Person. Aber Lisa hat es geschafft, dass ich eine Art von Verhalten an den Tag lege, wie ich es von mir selber nie für möglich gehalten hätte. Ich bin emotional erschöpft. So kann ich nicht mehr weiterleben.»

«Ich kenne eine Menge von Eltern, deren Kinder auch ziemlich schwierig sind ... Sie wissen schon, Kinder, die hyperaktiv sind oder Probleme haben aufzupassen. Ich würde meinen linken Arm für ein Kind hergeben, das nur hyperaktiv ist oder sich nicht konzentrieren kann! Unsere Lisa spielt in einer völlig anderen Liga! Ich fühle mich deshalb sehr allein.»

Die Wahrheit lautet: Lisas Mutter ist nicht allein. Es gibt da draußen eine Menge Kinder wie Lisa. Deren Eltern machen meist die Entdeckung, dass sämtliche Strategien, die normalerweise greifen, wenn es um eine Änderung des Verhaltens geht – also Massnahmen wie zum Beispiel erklären, begründen, beschwichtigen, fördern, beharren, ignorieren, belohnen und bestrafen –, bei ihren Lisas nicht den gewünschten Erfolg haben. Selbst Medikamente, wie sie üblicherweise verschrieben werden, führen oft nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. Falls Sie dieses Buch zur Hand genommen haben, weil Sie selbst ein Kind wie Lisa haben, wissen Sie wahrscheinlich sehr gut, wie frus­triert, verunsichert, zornig, verbittert, schuldig, überfordert, ausgepowert und hoffnungslos sich Lisas Eltern fühlen.

Kinder wie Lisa haben einige bezeichnende Eigenschaften, nämlich eine auffällige Inflexibilität, eine niedrige Frustrationstoleranz und eine Unfähigkeit zur Problem­lösung. Diese Mängel sorgen dafür, dass das Leben sowohl für sie als auch für die Menschen, mit denen sie zu tun haben, deutlich komplizierter und schwerer zu bewältigen ist. Wenn sie frustriert sind, haben solche Kinder enorme Probleme damit, den Grund dafür nüchtern zu betrachten, und auf einfache Veränderungen und Anforderungen reagieren sie oft mit extremer Starrheit und verbaler oder körperlicher Aggression. Aus Gründen der Vereinfachung werde ich in diesem Buch grundsätzlich von «explosiven Kindern» sprechen; die hier beschriebenen Methoden jedoch lassen sich auf sämtliche Kinder anwenden, deren Verhalten in irgendeiner Weise auffällig ist.

Worin unterscheiden sich explosive von anderen Kindern? Sehen wir uns einmal an, wie unterschiedlich Kinder reagieren auf ein Familien-Szenario, das recht häufig auftritt. Stellen wir uns vor, Kind Nummer eins, Michael, sieht gerade fern, und seine Mutter bittet ihn, fürs Abendbrot den Tisch zu decken. Michael fällt es ziemlich leicht, von seinem Vorhaben, also fernzusehen, auf das Vorhaben seiner Mutter, den Abendbrottisch zu decken, umzuschalten. Wenn also seine Mutter zu ihm sagt: «Michael, schalte jetzt bitte den Fernseher aus und decke den Tisch fürs Abendbrot», wird er vermutlich antworten: «Okay, Mutti, ich komme», und sich daran machen, der Bitte seiner Mutter nachzukommen.

Kind Nummer zwei – Peter – ist da schon etwas schwieriger. Ihm fällt es nicht leicht, von den eigenen Plänen auf die Pläne seiner Mutter umzuschalten, doch es gelingt ihm, mit seiner Frustration zurechtzukommen und einen Gang herunterzuschalten (gelegentlich mit Hilfe einer kleinen, über ihm schwebenden Drohung). Wenn also seine Mutter sagt: «Peter, schalte den Fernseher aus und deck den Abendbrottisch», antwortet er zunächst vielleicht: «Vergiss es, ich hab jetzt keine Lust!» Oder er beschwert sich: «Immer rufst du mich, wenn ich gerade mit was beschäftigt bin, das mir Spaß macht!» Mit etwas zusätzlicher Hilfe jedoch (Mutter: «Peter, wenn du jetzt nicht gleich den Fernseher abstellst und den Tisch deckst, gibt es Hausarrest») bringt man solche Kinder sehr wohl dazu, von den eigenen Plänen auf die der Eltern umzuschalten.

Und dann ist da Lisa, sie ist Kind Nummer drei, das explosive Kind, für welches dieses Umschalten oft mit einem sie rasch überwältigenden, intensiven, kräftezehrenden Grad an Frustration verbunden ist. Ihre Antwort oder Reaktion auf die Bitte: «Lisa, schalt jetzt den Fernseher aus und deck den Abendbrottisch», lässt sich keinesfalls vorhersagen.

Explosive Kinder gibt es in allen Größen und Ausführungen. Einige von ihnen gehen täglich mehrmals in die Luft; andere einige Male pro Woche. Viele «rasten» nur daheim aus; andere nur in der Schule; wieder andere sowohl als auch.

Eins dieser Kinder – Sascha, ein draufgängerischer, charismatischer Vierzehnjähriger, bei dem ADHD diagnostiziert wurde – begann während unserer ersten therapeutischen Sitzung zu weinen, als ich ihn fragte, ob er es für eine gute Idee halte, sich von uns bei der Bewältigung seiner Frustrationen helfen zu lassen, damit er besser mit seinen Familienangehörigen zurechtkomme. Ein anderer Junge namens Sven – ein bezaubernder, pfiffiger, jedoch launischer Zehnjähriger, der an einer manisch-depressiven Störung litt – reagierte nach einem präzise vorhersagbaren Muster auf den geringfügigsten Anlass unflexibel und widersinnig; und meist rief sein Schreien und Fluchen bei den Eltern ganz ähnliche Reaktionen hervor. Ein weiterer Junge – der achtjährige Marvin, ein blitzgescheites, lebhaftes, impulsives, unruhiges, leicht erregbares Kind, bei dem ein Tourette-Syndrom, Depressionen und ADHD diagnostiziert worden waren – reagierte auf unvorhergesehene Veränderungen mit einer unvorstellbaren Intensität und gelegentlich auch mit körperlicher Gewalt. Bei einer solchen Gelegenheit löschte Marvins Vater, ohne sich dabei etwas zu denken, ein überflüssiges Licht in dem Zimmer, wo Marvin gerade vor einem Videospiel saß. Der Vater ­löste damit einen heftigen, einstündigen Wutanfall aus.

Was Ihnen klar werden sollte, wenn Sie dieses Buch lesen: Alle diese Kinder verfügen über großartige Qualitäten und ein enormes Potenzial. In vielerlei Hinsicht haben sich ihre allgemeinen kognitiven Fähigkeiten völlig der Norm gemäß entwickelt. Dennoch werden ihre positiven Wesenszüge oftmals von ihrer inneren Starrheit, ihrer niedrigen Frustrationstoleranz und ihrer mangelhaften Fähigkeit zur Problemlösung überschattet, was ihnen und ihren Mitmenschen eine Menge Leid beschert. Ich kenne keine andere Gruppe von Kindern, die derart missverstanden wird.


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