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Mitra Devi
 

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  Edition SPUREN Buch-Auszug
 
Das Buch Antares
Mitra Devi
Im Zürich von heute tritt eine junge Frau vor den Richter. Angeklagt des Mordes an der eigenen Schwester, rennt sie an gegen eine Mauer des Schweigens und gerät in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik. Im Venedig des Mittelalters flieht ein verwaister Junge vor der Pest. Er findet Aufnahme in einem Nonnenkloster. Doch als der schwarze Tod vor den Klostermauern nicht Halt macht, steht er wieder verlassen da. Ein geheimnisvoller Brief seines Vaters bringt ihn in die Fänge der Inquisition. Auf dem Mars lebt eine Kolonie von Menschen. Sie sind die letzten ihrer Art, auf der Erde ist alles Leben durch Krieg vernichtet worden. Das Überleben des Menschen scheint gesichert. Da macht sich ein gewaltiger Asteroid bemerkbar, der auf den roten Planeten zurast.
Das Unheil nimmt seinen Lauf. Wie aus dem Nichts taucht «Springer» auf, ein seltsamer Wicht aus einer anderen Dimension, der darauf drängt, dass Menschen aus den vertrauten Bahnen ausbrechen. Es beginnt ein furioser Ritt durch Zeiten und Welten.
Gebunden, Pappband, 354 Seiten, Fr. 32.–, ISBN 3-033-00039-8

Bei «Marsbewohner» und «Zeitreise» klinke ich mich normalerweise gleich aus. Doch dieser Roman hat mich gepackt. «Das Buch Antares» ist spannend und berührend - weil es um die Figuren geht und nicht um die Gadgets.
Milena Moser («Die Putzfraueninsel» «Schlampenyoga»)

Mitra Devi ist eine souveräne Erzählerin, der es mit außerordentlicher gestalterischer Kraft gelingt, ihre Leser auf eine phantastische Zeitreise mitzunehmen.
Peter Zeindler («Abschied in Casablanca»)

Buchauszug

*** Der Geruch von Kerosin vermischte sich mit dem meines Angstschweißes. Das Motorengeräusch des Jumbo-Jets dröhnte, wurde schriller und höher, das Flugzeug rollte über die Startbahn. Ich schaute nach links aus dem Fenster und sah ein blau-rotes Fähnchen, das im Wind hin und her flatterte. Krampfhaft umklammerte ich die Lehne, nahm schräg gegenüber einen Geschäftsmann wahr, der merklich bleich wirkte und seine Aktentasche mit verspannten Fingern wie einen Schild an sich drückte. Ein Leidensgenosse. Kurz streiften sich unsere Blicke, er lächelte mir gequält zu, dann hob die Maschine ab. Der Schub presste mich gegen den Sessel, und ich betete lautlos ums nackte Überleben. Dies war mein erster und hoffentlich letzter Flug.
Plötzlich spürte ich eine Erschütterung, als würde Metall auf Metall reiben, dann folgte ein einrastendes Klicken, das mir durch Mark und Bein fuhr. Ich zuckte zusammen und sah vor meinem geistigen Auge innere Bilder in dieser Reihenfolge: wie der linke Flügel abbrach, das Flugzeug ins Trudeln geriet und wir abstürzten; schwarzbärtige Terroristen mit Kalaschnikows; ein Tornado, der uns mit unvorstellbarer Kraft in den Himmel schleuderte, wo wir für immer jenseits der Stratosphäre verloren waren; und Möwen im Triebwerk.
Vorsichtig sah ich mich um. Außer dem blassen Geschäftsmann, der seine Aktentasche inzwischen auf Brusthöhe an sich quetschte, schien sich niemand um diese Phänomene zu kümmern.
«Der Pilot zieht bloß die Räder ein», erklärte eine freundliche Stimme neben mir.
Ich spähte zu der Frau an meiner rechten Seite, die ich bis jetzt gar nicht bemerkt hatte. Sie war etwa Mitte siebzig, hatte neugierige, hellgraue Augen und dazwischen zwei tiefe Falten, die steil Richtung Haaransatz verliefen. Ihre weißen Haare hatte sie nach hinten gekämmt, wo sie in einem etwas unordentlichen Dutt endeten. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das am Ärmel mit sauberen Stichen geflickt war, und keinen Schmuck. Trotz ihres unscheinbaren Äußeren hatte sie etwas Erhabenes an sich, als wäre sie eine Königin, die mit ihrer Zofe die Kleider getauscht hatte.
«Sind Sie sicher, dass wir nicht abstürzen?», fragte ich und versuchte ein entspanntes Grinsen.
«Ja, ich weiß es», antwortete sie und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: «Wie ist Ihr Name, junge Frau?»
«Jana.» Ich wollte ihr meine Hand geben, ließ es dann aber bleiben, da sie keine Anstalten machte, die ihre zu erheben.
«Genau», murmelte sie.
Ich war etwas irritiert. «Und wer sind Sie?»
«Ich bin Gott», sagte sie.
Ach du dickes Ei, dachte ich. Wahrscheinlich gab es im ganzen Flugzeug nur eine einzige Verrückte, und die saß neben mir.
«Sie glauben mir nicht», meinte sie mit einem seltsamen Lächeln. «Das macht nichts. Es war vielleicht ein bisschen früh. Später werden Sie verstehen.» Dann wechselte ihr Tonfall. «Haben Sie Lust auf eine Geschichte? Ich könnte Ihnen etwas vorlesen, vielleicht würden Sie dann Ihre Flugangst ein wenig vergessen.»
Warum nicht?, dachte ich. Wenn ich schon die nächsten acht Stunden neben ihr verbringen musste, konnte ich mich genauso gut etwas unterhalten lassen. Ich suchte in ihrem Gesicht nach einem versteckten Zeichen des Wahnsinns, fand aber keines. Ich sah Belustigung und Offenheit. Vielleicht spann sie ja auch nur ein wenig.
«Gerne», sagte ich.
«Das freut mich.» Die Alte nahm ein schwarzes, in Leder gebundenes Buch mit seltsamen, smaragdgrün schimmernden Zeichen hervor und schlug es auf. Weder ein Titel noch der Name des Autors oder der Autorin standen auf dem Umschlag. Bevor ich mich zurücklehnte, warf ich einen Blick aus dem Fenster und sah ein Meer von kleinen Wolken unter mir, die wie Sahnehäubchen auf die grüne Landschaft gekleckst waren. Ich löste die Sicherheitsgurte und ließ mich tiefer in den Sessel sinken.
«Es heißt Das Buch Antares», begann die Frau, dann las sie mit ruhiger Stimme:

Es geschah nun, dass im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1347 zwölf genuesische Galeeren den Hafen von Messina erreichten. Die zerfetzten Segel flatterten im Wind, die Ruder schlugen lose gegen die Planken. Keiner ruderte. Neben toten Matrosen kauerten blasse Seeleute an der Reling, husteten Blut und wimmerten. Ihre Körper waren aufgedunsen, übersät mit schwarzen Beulen, ihre Gesichter gezeichnet von Schmerz. Mitleidige Hafenarbeiter erbarmten sich der Kranken, nahmen sie auf und merkten zu spät, dass der schwarze Tod in ihre Häuser eingedrungen war. Das große Sterben begann.
Pilgermönche, Kaufleute und Wegelagerer brachten die Pest von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Im Februar des Jahres 1348, zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo, hatte die Seuche Venedig erreicht, und im Frühling waren ihr bereits Tausende zum Opfer gefallen. Viele brachen binnen Stunden auf offener Straße zusammen, nachdem sie am Morgen noch frisch und lebendig gewesen waren. Junge starben, Alte starben; Weiber, Männer und Kinder trugen die tödliche Pestilenz in sich; Sünder, Trinker und Huren siechten genauso zu Tode wie Mönche, Priester und Ratsherren. Eltern begruben ihre Kinder und Kinder ihre Eltern. Kranke Hebammen brachten gesunde Säuglinge zur Welt, die ihnen, kaum waren sie geboren, ungetauft in den Tod folgten, und Henker verreckten jämmerlich vor den Augen der Ketzer, die sie hätten hinrichten sollen.
Die Friedhöfe quollen über. Barcaioli ruderten durch die Stadt, holten die Leichen aus den verlassenen Häusern, brachten sie zu den Inseln San Marco Boccalama und Sant' Erasmo und warfen sie in breite Gräben. Die Leichenberge türmten sich auf. Es wimmelte von Kakerlaken und Totenkäfern, und der Geruch der sich zersetzenden Leiber hing schwer über der Stadt. Hunde, Katzen und Pferde starben, ganze Rinderherden verwesten auf den Weiden. Die Felder blieben unbestellt, das Korn blieb ungedroschen, die Ernte verfaulte.

Der Tote am Canal Grande stank. Verkrümmt lag er unter einer Holzbrücke, seine Hände wie Krallen um den Hals gelegt, sein Mund halb offen. Die dicke schwarze Zunge war zwischen seinen Zähnen eingeklemmt. Die ausgetrockneten Höhlen, die einmal seine Augen gewesen waren, starrten ins Leere. Bekleidet war er wie ein Adeliger mit scharlachrotem, goldbesticktem Wams, purpurnen Beinlingen, die mit Silberfäden durchwirkt waren, und Schnürschuhen aus feinem Leder. Das flackernde Licht einer Fackel erhellte ihn. Die goldenen Säume und Borten seiner Kleidung schimmerten im Halbdunkel der Dämmerung.
Über die Stege huschten vereinzelte Gestalten, einige warfen der Leiche einen kurzen Blick zu, dann eilten sie weiter.
Ein Schatten löste sich vom Weg, spähte über den Rand der Brücke und starrte den Toten an. Es war ein Junge von vielleicht zehn Jahren. Er war kleingewachsen, hatte dunkle Augen und struppige, schwarze Haare, die ihm nach allen Seiten abstanden. Lumpen umhüllten seinen mageren Körper.
Der Junge kletterte die Böschung hinunter und lief barfuß durchs dürre Gras auf den Toten zu. Der Kanal, der sich unterhalb der Leiche vorüberwälzte, Unmengen von Essensresten, Fäkalien und Undefinierbarem mit sich führend, roch abgestanden. Vorsichtig schlich sich der Junge näher. Er rümpfte die Nase – Allmächtiger, welch einen Gestank dieser Adelige ausströmte! Den hatten die Barcaioli wohl seit Tagen übersehen. Der Junge machte einen zögernden Schritt auf ihn zu und dann noch einen. Er wusste, dass er nicht zu den Toten gehen sollte. Rühre keinen Kranken an, hatten sie gesagt, hüte dich vor den Toten, lauf weg, flüchte! Gewiss, er hatte es gehört, doch sein Blick war auf die prächtigen Schuhe gerichtet. Schnürschuhe aus edlem Leder, die glänzend gerieben und mit filigranen Mustern und Verzierungen versehen waren.
Er kniete sich hin und zog sie dem Mann aus. Sie fühlten sich leicht an in seiner Hand. Er drehte sie nach allen Seiten, betrachtete die Ausbuchtungen, in welchen die großen Zehen des Adeligen gesteckt hatten, die Rundungen der Fersen, die himmelwärts gerichteten Schnäbel. Dann riss er ein Büschel Gras aus der Erde, polsterte die Schuhe damit aus, stieg hinein und schnürte sie zu.
Aus der Ferne war ein Schrei zu hören. Der Junge lauschte, bis er verklungen war. Die Stadt war wieder still. Schnell kraxelte er den Hang hinauf. Auf der Brücke angekommen, schaute er noch einmal nach unten, dann rannte er zurück, stolperte über Steine und Wurzeln, ein paar Ratten flüchteten vor ihm, und als er erneut vor dem Leichnam stand, zögerte er nicht mehr. Er zerrte am Wams des Mannes und schüttelte dessen starre Arme durch die Armlöcher. Mit einem dumpfen Geräusch fielen sie zu Boden. Jetzt hielt er das rote Kleidungsstück in seinen Händen. Die Goldstickerei der Borten glitzerte im Fackellicht. Der Junge roch am Stoff, vergrub seine Nase tief darin. Ja, es stank nach Tod, nach Verwesung, fürchterlich stank es. Doch daneben nahm er den Duft eines Parfüms wahr, einen Hauch von Rose und Lavendel. Bald würde es ganz nach ihm riechen, ganz ihm gehören. Er legte sich das Wams über sein Lumpengewand und zupfte es an den Schultern zurecht, bis es saß.
Gerade als er sich auf den Weg hinauf machen wollte, entdeckte er in der linken Innenseite des Wamses eine eingenähte Geheimtasche. Er fuhr mit seinen Fingern hinein und tastete sie ab. Sie war leer. Zwei kleine Knöpfe sorgten dafür, dass, was auch immer hier aufbewahrt würde, sicher und verborgen blieb. Der Junge sah sich um, dann griff er in seinen Strumpf und nahm den Pergamentbrief heraus, den er seit vier Monaten auf sich trug. Die Geheimtasche im Wams war dafür ein besseres Versteck. Sorgfältig schob er ihn hinein und knöpfte die Tasche zu. Von außen war nichts vom Brief zu sehen. Irgendwann würde er ihn lesen können. Dann wäre alles anders.
Ein letztes Mal noch strich er sein neues Wams glatt, dann stolzierte er mit seinen viel zu großen Schuhen davon. Auf seinem Gesicht lag ein Lächeln.


*** Die alte Frau legte das Buch auf ihren Schoß.
«Interessiert Sie die Geschichte? Möchten Sie sie weiterhören?»
«Auf jeden Fall!», sagte ich. Mein Unbehagen war verschwunden, ich hatte geradezu vergessen, dass ich zehntausend Meter über dem sicheren Boden war und neben mir eine Frau saß, die sagte, sie hieße Gott. «Bitte lesen Sie weiter», fügte ich hinzu.
Und sie fuhr fort:

Anfang Juli 2004 goss es in Zürich in Strömen. Die Regentropfen liefen in langen Rinnsalen an den Fenstern des Gerichtsgebäudes hinunter, grelle Neonröhren spendeten im Saal ein hartes Licht. Es war drückend heiß, und es roch nach Schweiß und Aftershave.
Als die Angeklagte in Begleitung ihres Pflichtverteidigers in den Hauptsaal des Geschworenengerichts geführt wurde, stand Abscheu in den Gesichtern der zwei Dutzend Menschen auf den Zuschauerbänken. So sah sie also aus, die Perverse. Gerne hätte man sie etwas hässlicher gesehen, mit einem verschlagenen Ausdruck vielleicht, mit groben Gesichtszügen, einem grausamen Lächeln – doch die Angeklagte war auf beunruhigende Weise schön. Sie war sehr groß gewachsen, ihre dunklen Haare fielen in lockeren Wellen über ihre Schultern, die Haut war porzellanhell, fast durchschimmernd. Sie trug eine blutrote Bluse und darüber ein Lederband, an dem eine versteinerte Muschel hing.
«Sie sieht aus wie eine Elfe», flüsterte eine Frau in den hinteren Reihen.
«Bist du verrückt!», gab ihr Mann zurück, «schau dir mal ihre Hände an! Hast du bemerkt, wie riesig die sind? Von wegen Elfe. Mörderhände sind das, sag ich dir.»
Die Angeklagte nahm Platz und schaute mit unergründlichem Ausdruck zu Boden.
Die Stimme des vorsitzenden Richters hallte durch den Saal und ließ das Flüstern verstummen: «Angeklagte, erheben Sie sich. Nennen Sie dem Gericht Ihren vollen Namen sowie Alter, Beruf, Familienverhältnis und Wohnsitz. Sprechen Sie bitte deutlich.»
Die junge Frau schob den Stuhl zurück und stand auf. Ihre Augen waren auf den Vorsitzenden gerichtet. «Ich heiße Leandra Mani, bin einundzwanzig Jahre alt, unverheiratet und wohnhaft in Zürich.»
«Beruf?»
Nach kurzem Zögern antwortete sie: «Zuletzt habe ich bei archäologischen Ausgrabungen mitgearbeitet.»
Der Richter verschränkte die Arme vor seiner Brust, dann sagte er: «Frau Mani, Sie sind angeklagt des Mordes an Ihrer neunjährigen Schwester Nora.»

Die Verhandlung verlief zäh. Die Angeklagte verhedderte sich in Widersprüchen. Sie gab die Tat zwar von Anfang an zu, behauptete jedoch, alles sei in Wirklichkeit ganz anders gewesen. Inwiefern anders, konnte sie nicht sagen. Sie starrte den Richter kühl an und schwieg auf etliche Fragen, sie überwarf sich mit dem Staatsanwalt, nannte ihn einen verständnislosen Schwachkopf. Sie gab patzige Antworten, log unmissverständlich. Am Ende schien sie innerlich in sich zusammenzusinken und nur noch mit Mühe die ihr gestellten Fragen zu begreifen.
«Frau Mani, antworten Sie bitte.» Staatsanwalt Hermann klopfte sich mit einem Kugelschreiber in die offene Hand. Die Ungeduld war seiner Stimme deutlich zu entnehmen.
Leandra Mani sah ihn verwirrt an. «Könnten Sie den Satz wiederholen?»
Hermann seufzte. «Stimmt es, dass Sie, wie diese Zeugin aussagt –», er wies mit dem Kopf zu der älteren Frau hinter dem Zeugenstand –, «... während Sie Ihre Schwester Nora umbrachten, ich zitiere: , geschrien haben?»
Die Angeklagte starrte zum Zeugenstand, als sähe sie die Frau zum ersten Mal. «Das ist doch meine Nachbarin, Frau Berger», sagte sie wie zu sich selbst. «Was tut die denn hier? Sie hat doch gar nichts gesehen.»
Hermann schnaubte. «Frau Mani, treiben Sie es nicht auf die Spitze! Die Zeugin, Frau Berger, gibt seit genau zwanzig Minuten zu Protokoll, was Sie während Ihrer Tat, Ihrer abscheulichen Tat, wie ich hinzufügen muss, geschrien haben. Sie hat Sie nicht gesehen, Frau Mani, sie hat Sie gehört.» Angewidert stieß er aus: «Zum letzten Mal: Trifft die Aussage von Frau Berger zu?»
«Einspruch!», meldete sich der Verteidiger, ein hagerer Kahlköpfiger, halbherzig zu Wort. «Die Anklage versucht meine Mandantin einzuschüchtern.»
Der Richter schüttelte unwillig den Kopf. «Einspruch abgelehnt. Frau Mani, beantworten Sie endlich die Frage.»
«Ja», sagte sie, «nein. Ich weiß nicht. Es war alles so ... anders.»
Ihre Augen irrten suchend umher, fanden ihre Eltern in der ersten Reihe: Mutter, schmächtig und bleich, schwarz gekleidet, mit verhärmtem Gesicht und Augen, die dem Blick ihrer Tochter nicht begegnen konnten, und verkrampften Fingern, die unruhig ihre Handtasche traktierten; und Vater in seinem dunkelblauen Anzug, den er mit seinem massigen Körper fast sprengte. Er saß aufrecht da und sah sie mit ernster Miene durch seine schwarze Hornbrille an.
«Ich weiß nicht», sagte sie noch einmal.
«Frau Mani! Beantworten Sie meine Frage mit ja oder nein! Haben Sie, während Sie Ihre Schwester – erwürgten ...», Hermann stieß das Wort wie einen unverdaubaren Brocken heraus, «... geschrien? Haben Sie? Ja oder nein?»
Die Angeklagte schaute auf ihre Hände, als würden sie nicht zu ihr gehören. Sie atmete tief ein, schloss für einen Moment die Augen, dann sagte sie: «Ja, das habe ich.»


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Kommentare:

Unbedingt lesen!
Ich war skeptisch, das Buch entzog sich einer Definition, ich wusste nicht was ich davon halten sollte und wurde äusserst positiv überrascht.
Es ist spannend, hat eine komplexe und raffiniert angelegte Erzählstruktur, mit einem klugen Inhalt und ist sehr menschlich und berührend.
Erstaunlich ist für mich, wie einfach und klar die Geschichte bleibt, obwohl sie sehr komplexe zusammenhänge berührt, die ohne erklärerische Art sich selbst offenbaren. Eine erstklassige Autorin.
Diese geschichte sollte man wirklich nicht verpassen.

21.12.2005 - 3:16 | yaya | Profil
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