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Christian Bobin
 

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  Edition SPUREN Buch-Auszug
 
Melusines Lächeln
Christian Bobin
Albain kriecht auf allen vieren über das Eis. In den Wassern des Sees von Saint-Sixte haust das Wesen einer Frau: Melusine. Sie trägt ein rotes Kleid und lächelt dem Jungen zu. Als das Eis nicht mehr trägt, besucht sie Albain zu Hause. Sie hilft ihm bei den Hausaufgaben, und vor allem bewahrt sie den Heranwachsenden davor, den Zauber der Kindheit zu verlieren.
Eine leichte, verspielte Geschichte in bester französischer Tradition: der kleine Prinz auf Streifzügen durch die fabelhafte Welt der Amélie. Bei Christian Bobin erklingen grosse Wahrheiten aus kleinen Dingen.
Aus dem Französischen übersetzt von Maike und Stephan Schumacher
120 Seiten, gebunden, Fr. 24.–, Euro 14.–, ISBN 3-033-00040-1


Buchauszug

Wenn die Fliegen in ihrem geschäftigen Treiben einmal innehalten – und ich fliege nach links, und ich fliege nach rechts, und ich laufe über eine Fensterscheibe und tue verwundert, weil das Fenster einen Rahmen hat, und ich fange wieder an zu fliegen, ich mache eine Notlandung auf einem Kopf, ich nerve, ich ärgere, ich haue wieder ab, ich werde meine Einkäufe auf einer Wachstuchdecke machen–, wenn die Fliegen sich also einmal eine Verschnaufpause gönnen, dann machen sie oft eine drollige Geste: Sie heben ihre Vorderbeine und reiben sie aneinander. Diese Geste ähnelt der eines Händlers, der ein gutes Geschäft abgeschlossen hat, der eine Sache zu einem guten Preis verkaufen konnte, von einem, der sich beglückwünscht, der sich selbst gratuliert. Die Fliegen sind Geschäftsfrauen: Das ist in etwa, was Alain an diesem Tag, in dieser Stunde, in dieser Sekunde denkt. Am selben Tag, zur selben Stunde, in derselben Sekunde dreht sich Prune zu Albain um und stellt ihm voller Eifer und Besorgnis eine Frage: Woran denkst du gerade?

In Prunes Herzen ist Albain schön, lustig, freundlich und heldenhaft: Er ist in dieses Gewand aus Licht gekleidet, das man jenen verleiht, die man liebt, und das sie ohne ihr Wissen verwandelt. Das Problem, denn es gibt hier ein Problem, ist das folgende: Da Albain für Prune ihr Ein und Alles geworden ist, träumt Prune davon, für Albain sein Ein und Alles zu werden. Oje! Damit dieser Traum sich verwirklichen könnte, müsste Prune nacheinander zu einem Stück Löschpapier, zu einer Wolke, zu einem Bleistiftanspitzer, zu einem Sonnenstrahl und zu einer Fliege werden – und so weiter. Um Albain niemals aus dem Sinn zu gehen, müsste Prune zu all dem werden, worauf sein Auge fällt.

Albain liebt alles, was er sieht, ohne dem einen oder anderen den Vorzug zu geben. Prune gehört natürlich auch zu alldem, ja, sie hat ihren Platz darin, aber sie muss den Platz an diesem Tag, zu dieser Stunde, in dieser Sekunde mit einem Stück Löschpapier, einer Wolke, einem Bleistiftanspitzer, einem Sonnenstrahl und einer Fliege teilen – und so weiter. Das Bedauerlichste dabei ist, dass die Fliege nicht einmal da ist: es ist zu kalt. Im Winter stellen die Fliegen ihre Geschäfte ein. Für Albain braucht eine Sache nicht einmal da zu sein, damit er an sie denken und sie lieben kann. Es genügt ihm, sie gesehen zu haben, und sei es auch nur ein einziges Mal. Natürlich ist auch Prune im Herzen von Albain, aber neben Tausenden von Rivalen.

Woran denkst du gerade? Verliebte zeigen sich gern nachsichtig (das ist schließlich das Geringste, das man erwarten kann), verständnisvoll und großzügig. Aber so verständnisvoll sie auch tun mögen, sie erhoffen nur eine einzige Antwort auf diese Frage, sie können sich nur eine einzige richtige Antwort vorstellen: Ich denke an dich. Die Geliebten umschiffen diese Klippe zumeist. Sie antworten ausweichend: Ich denke an nichts.

Woran denkst du gerade? Albain, der nichts so sehr liebt wie die Wahrheit, schickt sich eben an zu antworten: Ich denke an die Fliegen im Sommer und frage mich, was sie wohl im Winter tun. Doch da Albain peinlichst um die Wahrheit bemüht ist, ändert er seine Antwort, da sich seine Gedanken soeben geändert haben: Ich denke an Melusine.

Nun ist es heraus. Er wollte es Prune nicht sagen, und jetzt hat er es doch gesagt. Geheimnisse sind wie Pfeffer auf der Zungenspitze. Früher oder später setzen sie den Mund in Brand. Früher oder später öffnet man den Mund und zeigt den kleinen Teufel, der zwischen zusammengebissenen Zähnen sein Essen kochte. Und danach muss man reden, reden und nochmals reden. Prune erklären, dass Melusine gleichzeitig ein Name, ein Vorname und ein Zuhause ist. Sagen, dass es der Name einer Dame unter dem Eis des Saint-Sixte-Sees ist, und sogar, dass sie lächelt und dass sie eine schöne Stimme hat. Prune ist aufgeregt. Sie glaubt alles, was Albain erzählt. Er bedeutet ihr alles. In diesem Alles gibt es keinerlei Schatten. Wenn Albain es sagt, dann ist es die Wahrheit. Gleichzeitig ergießt sich der Pfeffer der Eifersucht wie ein Wolkenbruch über das Herz von Prune. Schließlich, nun ja, Albain, wie lange gehst du schon zu dieser Dame? Zwei Wochen? Morgen ist Samstag, da nimmst du mich mit nach Saint-Sixte.

Prune ist schüchtern, rührend, diskret. Nichtsdestoweniger wird dieser letzte Satz von ihr im Befehlston ausgesprochen.

O mein Gott, behüte uns vor denen, die uns lieben.

(Aus dem Französischen übersetzt von Maike und Stephan Schumacher)


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