Sakrischleck – Der Gummi Code
Oliver Fehn
Gralsritter und Illuminaten, Apostel und Satanisten, was immer sie trieben, wonach sie auch strebten, etwas ist kleben geblieben: Gummibärchen! OIiver Fehn enthüllt die wahren Drahtzieher hinter der großen Verschwörung. Sie treten auf in fünf Farben, doch sie alle kennen nur ein Ziel: Die Welt soll schlecken und sie wird kleben bleiben – Sakrischleck!
«Gummi ist des Teufels!» Papst Innozenz Ursus VI
«Das göttliche Licht durchscheint den Geist der Gelatine»
Dietmar Bittrich, Autor von Das Gummibärchen Orakel
113 Seiten, gebunden, Euro 9.–/Fr. 16.–
ISBN 3-905752-02-6
«Die Verschwörung der auserwählten Bärchen putzt einem den letzten Brownschen Geheimverschwörungsschmalz aus den Hirnwindungen» Silvia Tschui in heute
Buchauszug
Vorspiel
In Danys Hosentasche
Sowie es in der Tüte raschelte, traten Schweißperlen auf ihre Stirn. Wenig später klebte die ganze Tüte vor Feuchtigkeit, und fruchtig-süßes Aroma schwängerte die Luft.
«Sind wir noch vollzählig?», flüsterte das weiße Gummibärchen. «Ich bitte um Durchzählung!»
«Rot anwesend», sagte Crimson, das rote Bärchen.
«Gelb auch!», flüsterte Yellow.
«Dasselbe in Grün», rief Blossom, der grüne Bär, der diesen Scherz nun schon zum dritten Mal machte.
«Und was ist mit dir, Tangerine?», fragte das weiße Bärchen, das sich Jelly Boy nannte.
Zähneklappern war die Antwort. «Ja. Hab mich schon zweimal gemeldet, aber ihr hört mich ja nicht. Wir dürfen nicht so laut sein.»
«Weiß, rot, gelb, grün, orange», wiederholte Jelly Boy, wobei er die Finger zur Hilfe nahm. «Macht fünf. Dann ist ja alles okay.»
«Die klassische Tütenmischung», freute sich Blossom.
«Die welthistorisch entscheidende Konstellation», verbesserte ihn Jelly Boy.
Die Tüte war eine Welt für sich. Eine Welt voller Gefahren. Denn die Welt jenseits der Tüte war Danny Meyers Hosentasche, und die Welt jenseits von Dannys Hosentasche war die Welt, die erlöst werden musste. Seit Jahrtausenden wartete sie auf die Große Formel. Die Weltformel.
Danny saß in der Schule und hatte von den fünfunddreißig Gummibären, die für gewöhnlich eine Tüte bevölkern, in den letzten Tagen bereits dreißig weggenascht. Er hatte gerade Mathe. Bei jedem Läuten der Pausenglocke griff er in die Tasche seiner Jeans, fischte einen Bären aus der Tüte und begann zu lutschen – das half angeblich gegen Magenknurren. Pro Schultag gingen so sechs Bärchen drauf. Das vorige hatte er zu Beginn der Mathestunde verputzt. Und fünf Unterrichtsstunden lagen noch vor ihm.
Es lag in seiner Hand, ob er zum Erlöser dieser Welt werden würde oder zum großen Sakrischleck. Nur, davon wusste er nichts.
Die Bärchen waren aufgeregt und schwitzten, so dass die Luft in der Tüte immer süßlicher und stickiger wurde. a + b = c , hörten sie den Lehrer sagen. Das war auch eine Formel, aber bestimmt nicht die Weltformel.
«Warum gibt es eigentlich keine blauen Gummibärchen?», fragte Tangerine, das orangefarbene Gummibärchen, nur um eine Diskussion in Gang zu bringen.
Crimson, der Rote, sah ihn strafend an.
«Du stellst wirklich die dümmsten Fragen der Welt. Weil es nur fünf Strahlen gibt. Fünf Strahlen der Weisheit. Gäbe es blaue Gummibärchen, wäre es ein Strahl zu viel. Außerdem wären wir dann zu sechst hier, und die Luft wäre noch schlechter.»
Alle Bären nickten. Die Luft in der Tüte war immer ein gutes Argument.
Wann immer Dannys Magen knurrte, zuckten die fünf Bären synchron zusammen. Je häufiger sie dieses Knurren vernahmen, umso größer wurde ihre Furcht, der Junge könnte schneller zum großen Sakrischleck werden, als sie sich gedacht hatten.
«Wenn es läutet, ist der Nächste von uns dran», sagte Tangerine verzweifelt. «Dann hat es eben nicht sein sollen. Dann war die Zeit eben noch nicht reif für die große Verschwörung. Ich halte das alles für einen großen Scherz.»
«Prophetenstimmen scherzen nicht!», unterbrach das weiße Bärchen im Befehlston. «Du hast es doch gehört. Danny Meyer ist seit Jahrhunderten der erste Junge, der die Prophezeiung erfüllt, die von Astrologen aus dem Sternbild des Großen Gummibären gelesen wurde: Wir fünf zuletzt in seiner Tüte verbliebenen Bären sind alle von unterschiedlicher Farbe, und somit ist er Träger der fünf Strahlen. Daran, so bekundeten die Magier des Alten Orients, die schon das Jesuskind in der Krippe besuchten, erkennt man den neuen Avatar. Natürlich muss er auch die zweite Hälfte der Prophezeiung erfüllen: In seiner anderen Hosentasche muss das Zweite Große Geheimnis stecken. Dort muss der sein, von dem wir alle schon wissen, wie er heißt, dessen Namen wir aber nicht auszusprechen wagen.»
«Meinst du etwa», stotterte Tangerine aufgeregt, «Walldenbart den Schwar …»
«Schweig!», fuhr Jelly Boy dazwischen.
«Idiot!» «Wie kannst du nur?» «Er in der anderen Hosentasche? Wehe uns!», schrien die Bärchen wild durcheinander. Das Weitere ging unter in Heulen und Zähneklappern.
Wie immer war es das weiße Bärchen, das als Erstes die Fassung wiederfand. Es nahm den Faden von vorhin auf: «Anscheinend ist es so, sonst hätten wir ja nicht alle fünf diesen prophetischen Traum gehabt.»
Der prophetische Traum war über sie gekommen, nachdem Danny den sechstletzten Bären verputzt hatte. Eigentlich war es eher eine Art visionäres Hörspiel gewesen, denn gesehen hatten sie niemanden. Prophetische Stimmen brauchten immer viel Zeit, bis sie zum Kernpunkt kamen. Vorher erzählten sie einem massig Dinge, die man längst wusste: wie man hieß, wo man herkam, wo man wohnte, und erst zum Schluss verrieten sie, dass man auserwählt worden war und wozu.
Genauso war es auch bei diesem Orakel gewesen. Mit Donnerstimme hatte es gerufen: «Eure Namen sind Crimson, Yellow, Tangerine, Blossom und Jelly Boy. Ihr gehört zur Spezies der Gummibären. Alle fünf seid ihr als Einzige in der Tüte dieses Jungen namens Danny Meyer verblieben. Jeder von euch hat eine andere Farbe. Somit repräsentiert ihr zusammen die fünf Strahlen der Weisheit.»
Crimson war als Erster der Kragen geplatzt. «Wird man hier aus dem Schlaf gerissen, nur um mit ollen Kamellen zugemüllt zu werden?»
Yellow versetzte ihm einen Knuff. «Beherrsch dich, es ist ein göttliches Wesen, das hier zu uns spricht!»
Das göttliche Wesen bewies göttliche Souveränität. Unbeirrt fuhr es in seiner Rede fort.
«Jeder von euch repräsentiert einen Pfeiler des geheimen Wissens. Euch obliegt es, der Menschheit den Pfad zur universellen Weltformel zu weisen. Ihr sollt dafür sorgen, dass dieser Junge, allem Anschein nach ein ganz normaler Zwölfjähriger mit Basecap und Sneakers, zum Träger dieser Weisheit wird. Er ist der Auserwählte, wieschon er davon noch nichts weiß.»
«Wieschon», flüsterte das orangefarbene Bärchen kichernd. Yellow gab auch ihm einen Knuff.
«Er ist der Auserwählte und weiß nichts davon?», plärrte Crimson in die feierliche Stimmung hinein. «Seid mir nicht böse, aber ist das nicht schon damals bei Krishnamurti schief gelaufen?»
Wiederum überhörte die Stimme den blasphemischen Einwand einfach, und in Crimson keimte der Verdacht, es handle sich vielleicht um ein ganz ordinäres Tonband.
«Yellow, du warst dabei, als in Ägypten die Pyramiden erbaut wurden. Crimson, du sahst den Messias am Kreuze hängen. Blossom, du warst bei den Astrologen im Lande Mesopotamien. Tangerine, du kennst das Geheimnis der Templer und die wahre Bedeutung des großen Baphomet. Jelly Boy, du ...»
«Sag es nicht», flehte das weiße Bärchen. «Wenn das Ganze hier sich als Riesenfinte entpuppt, will ich mein Geheimnis noch ein wenig länger bewahren.»
«Riesenfinte?» Die Prophetenstimme lachte, verzichtete aber darauf, Jellys Auftrag beim Namen zu nennen. «Ihr seid die Träger uralten Wissens. Den Forschern dieser Welt, die an ihren Experimentiertischen meinen, die Weltformel mittels Quantenphysik und Relativitätstheorie erschließen zu können, wird es wie Schuppen von den Augen fallen, wenn dieser Junge der Welt verkünden wird, was ihm mit eurer Hilfe zuteil werden kann.»
«Und wenn er uns vorher auffrisst?», fragte Crimson.
«In diesem Punkt vertraue ich auf euch», sagte die Stimme. «Ihr habt es in der Hand, Danny Meyer davon abzuhalten, euch zu verputzen, ehe euer Auftrag erfüllt ist. Zu diesem Zweck drücke ich euch Feder und Papier in die Hand.»
«Lieber Gott!», rief Blossom. «Sollen wir etwa ein Buch schreiben?»
«Natürlich nicht. Was sind schon Bücher? Denkt an die Heiligen Schriften dieser Welt: die Bibel, die Bhagavad-Gita, den Koran. Denkt über das Schicksal dieser Werke nach. Pro captu lectoris habent sua fata libelli*.
Die Bärchen warteten gespannt auf eine Übersetzung, doch es blieb still. Das war auch so eine Eigenheit von Prophetenstimmen: Sie verabschiedeten sich nie, indem sie sagten «Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit» oder «Tschüß, bis zum nächsten Mal», sondern sie sprachen einen bedeutungsschwangeren Satz, den keiner kapierte, und weg waren sie. Wie in deutschen Problemfilmen.
Jetzt, fünf Minuten vor dem Läuten der Schulglocke, kamen sie auf diesen rätselhaften Satz zurück.
«Kann einer von euch Latein?», fragte Blossom.
Man hörte nur verlegenes Räuspern.
«Latein ist die Sprache Gottes», sagte Blossom. «Als Träger des Großen Geheimnisses sollten wir sie eigentlich beherrschen. Wenigstens einer von uns.»
«Die Sprache Gottes?», rief Tangerine. «Und wie hat Gott gesprochen, bevor die Römer ihr Latein in die Welt setzten?» Es klang wie Blasphemie, aber Tangerine meinte seine dummen Fragen grundsätzlich ernst.
«Gott spricht alle Sprachen», sagte Jelly in hoheitsvollem Tonfall.
«Warum macht er dann keinen Gebrauch davon?», knurrte Crimson, der soeben versuchte, den lateinischen Satz des Propheten mühsam auf ein Stück Papier zu kritzeln.
«Weil er will, dass wir unseren Kopf anstrengen», seufzte Jelly Boy. «Wir müssen versuchen, die Bedeutung des Satzes zu rekonstruieren.»
«Okay», sagte Blossom. «Fangen wir an. Das erste Wort lautet Pro.»
«Pro und Contra», sagte Tangerine.
«Heißt für und gegen», übersetzte Jelly.
Sie schrieben also «für» unter das erste Wort des lateinischen Satzes.
«Captu?», fragte Blossom. Ein zähes Schweigen war die Antwort.
«Vielleicht der Mützenträger», schlug Tangerine vor. Er hatte an Dannys Basecap gedacht. Sie schrieben es auf, da eine bessere Idee sich nicht einstellen wollte.
Lectoris übersetzten sie mit Lektüre, und da eine Fata Morgana eine Luftspiegelung war, konnte Fata (ohne Morgana) nur Luft (ohne Spiegelung) heißen. Für Libelli fiel ihnen nur die Libelle ein, und sie beschlossen, es handle sich um ein Gleichnis, das alle fliegenden Lebewesen oder überhaupt alles Fliegende symbolisiere.
Zuletzt gelangten sie zu folgender Übersetzung:
«Für den Mützenträger Lektüre durch die Luft fliegen lassen.»
«Das ist es», sagte Yellow. «Das ist die Lösung.»
Die anderen sahen ihn fassungslos an. «Sag bloß, du wirst aus diesem Schwachsinn schlau?», meinte Crimson.
«Denkt doch nach! Der Prophet hat uns Stift und Papier gegeben», sagte Yellow. «Wir beschriften kleine Zettel, und immer wenn Danny in seine Hosentasche greift, um sich einen von uns zu schnappen, werfen wir ihm stattdessen einen der Zettel zu. Dann wird er sich wundern und vor lauter Verwunderung vergessen, dass ihm der Magen knurrt. Wer fängt an?»
«Kommt drauf an, nach wem er zuerst greift», rief Jelly. Sie setzten sich und beschrifteten ihre kleinen Zettel (für die Bärchen waren es natürlich Riesenzettel). Das Echo der Glocke war in den Korridoren noch nicht verklungen, als schon Dannys Hand sich der Tüte näherte, um sich eins seiner Bärchen zu holen. Da ihm alle Farben gleich gut schmeckten, nahm er die Tüte dazu nicht aus der Tasche.
Es war Yellow, den es beinahe erwischt hätte. Der jedoch ließ blitzschnell sein Zettelchen in Dannys Hand springen. Den erstaunt aufgerissenen Mund des Jungen konnten sie zwar nicht sehen, aber doch erahnen.
Das Wort auf dem Zettel lautete Ramses.
«Hey, das Ding war in meiner Gummibärchentüte», hörten sie Danny sagen. «Weißt du, was Ramses bedeutet?» Anscheinend sprach er mit seinem Banknachbarn, dem dicken Benjamin.
«Vergiss es. Wahrscheinlich eins dieser doofen Gewinnspiele.»
Tangerine räusperte sich. «Mal eine Frage, Yellow», sagte er. «Ohne dass ihr wieder alle wütend werdet und behauptet, ich hätte eine lange Leitung. Aber ... äh, ich weiß auch nicht, was Ramses bedeutet.»
Da keins der Bärchen stöhnte, schien Yellow tatsächlich der Einzige zu sein, der es wusste.
«Kommt nicht von ungefähr, dass ich dieses Wort gewählt habe», sagte er. «Ramses ist der Name eines ägyptischen Königs. Und ihr wisst ja, ich war dabei, als die Pyramiden erbaut wurden. Ich kenne mich aus in ägyptischer Geschichte.»
Draußen hörten sie Danny heftig mit seinen Freunden diskutieren. Doch wer Ramses war, wusste keiner. Schon betrat Dannys Geschichtslehrer den Raum, und die Bären waren wieder für eine Stunde in Sicherheit. Naschen während des Unterrichts war strengstens verboten.
«Die Pyramiden», seufzte Blossom. «Ein Rätsel, dem bislang noch kein Archäologe auf die Spur gekommen ist.»
«Auch ein Archäologe wird das nie schaffen», sagte Yellow. «Die interessieren sich nur für alte Knochen und Steine. Sie messen und wiegen und stellen große Rechnungen auf; aber das eigentliche Geheimnis der Pyramiden hat nichts mit Zahlen zu tun, sondern mit ...» Er machte eine dramaturgisch wirksame Pause. «... mit Gummibären.»
Nachdem sie eine Weile ehrfurchtsvoll geschwiegen hatten, sagte Tangerine.
«Das muss ja kein Widerspruch sein. Früher wurden Gummibären schließlich aus alten Knochen hergestellt und ...»
Crimson gab ihm eine Kopfnuss, und er verstummte.
«Passt auf», sagte Yellow. «Als Träger der fünf Strahlen der Weisheit können wir ganz ehrlich zueinander sein. Darum will ich euch erzählen, was ich erlebt habe, als ich in Ägypten war, vor mehr als dreitausend Jahren. Ich werde euch das wahre Geheimnis der Pyramiden offenbaren.»
Mit einem Mal wurde es richtig gemütlich. Gerne hätten die Bärchen jetzt um ein Feuer gesessen, nachts in der Wildnis. Aber Dannys Hosentasche war auch nicht schlecht. Dunkel war es dort auf jeden Fall, und wenn man die Tüte etwas zusammenpresste, wurden die Stimmen im Klassenzimmer unhörbar. Sie setzten sich im Halbkreis zueinander, und Yellow begann mit seiner Geschichte.
