Zeichen der Stille
Fabienne Verdier
Alles hinter sich lassen, die halbe Welt umrunden, um in Fernost einen Traum zu verwirklichen – kann das gut gehen? Die französische Kunststudentin Fabienne Verdier reist 1983 ins kommunistische China, wo sie sich in die Geheimnisse der alten chinesischen Kultur einweihen lassen will. Die Landung auf dem Boden der Wirklichkeit ist hart. Doch nach etwelchen Mühen lässt sich einer der letzten alten Meister finden, der bereit ist, sie in der Kunst der Kalligrafie zu unterrichten. Strich für Strich beginnt das Abenteuer ihres Lebens.
Aus dem Französischen übersetzt von Maike und Stephan Schumacher
318 Seiten, davon 24 Seiten mit Fotos, gebunden, Fr. 38.–/E 23.–, ISBN 3-90575201-8
Buchauszug
Nach Monaten und Monaten der Schulung brach es eines Morgens im Winter vor meinem Meister aus mir heraus:
«Es geht nicht mehr; ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Kurzum, ich verstehe überhaupt nichts mehr.»
«Schön, schön.»
«Ich weiß nicht mehr, wo es langgeht.»
«Schön, schön.»
«Ich weiß nicht einmal mehr, wer ich bin.»
«Noch besser!»
«Ich kenne nicht einmal mehr den Unterschied zwischen dem "Ich" und dem "Nichts".»
«Bravo!»
Je mehr ich wetterte, desto größer wurde seine Freude. Er zeigte sie mit einem Ausdruck von Glück und Verblüffung im Gesicht. Er stampfte sogar mit den Füßen auf, Tränen in den Augen.
Ich dachte, er verstünde nicht, was ich sagte, und fuhr, von einem inneren Schmerz überwältigt, fort: «Nach all diesen Jahren der Praxis wird mir klar, dass ich angesichts des Universums noch immer genauso unwissend bin wie zuvor. Ich werde niemals das vollbringen können, was Sie von mir verlangen.»
«Ja, genau das ist es!», rief er und klatschte dabei vor Freude in die Hände. Er tanzte mit einer unbegreiflichen Freude auf der Stelle.
In jenem Augenblick dachte ich, er sei nicht mehr ganz richtig im Kopf.
«Du hast keine Ahnung, was für eine Freude du mir bereitest! Es gibt Leute, bei denen ein Leben nicht ausreicht zu begreifen, dass sie unwissend sind.» Er dachte einen Moment nach und reichte mir sein schmutziges Taschentuch, damit ich mir die Augen wischen konnte.
«Ich bin schon ziemlich alt und habe es bisher nicht geschafft. Aber du, kleiner Dummkopf, der du bist, vielleicht gelingt es dir mit deinem einsamen und beharrlichen Herzen, dorthin zu gelangen.»
Aus dem Kapitel «Die Lehren des Meisters»
