Vom Glück der Stille
Peter Steiner
Unscheinbar, kaum beachtet und doch die Mitte von allem: die Stille. Sie ist immer da, sie enthält alles, und sie lässt sich nicht vereinnahmen. Dennoch geht sie im Leben so leicht vergessen.
Mit seinen Bildern und Texten versteht es Peter Steiner, an den Geschmack der Stille zu erinnern. Dem Glück der Stille begegnet er, wo man es zuletzt vermuten würde: mitten im Alltag, im unverhofften Wechselspiel von Licht und Schatten, in den Minuten zwischen Ankunft und Aufbruch, in den Hinterhöfen von Aussicht und Hoffnung.
Gebunden, 153 Seiten, 55 s/w Bilder, Euro 19.50, Fr. 32.–,
ISBN 978-3-905752-04-5
Buchauszug
Wenig wird so sehr unterschätzt wie die Stille. Unsere Sinne verlangen beständig nach Amüsement und Spektakel, Ruhe scheint kaum von Wert zu sein. Wir agieren und konsumieren, weil unsere Sinne uns dadurch Glück verheissen.
Aber in Wahrheit kann uns nichts so tief berühren wie die Stille. Der Zen-Meister Taisen Deshimaru sagt: «Die Stille ist unser tiefes Wesen.» Wenn wir uns selbst näher kommen wollen, ist die Stille Dreh- und Angelpunkt von allem.
Um sie kennenzulernen, müssen wir nur damit beginnen, Dinge wegzulassen. Wir müssen alles Unnötige weglassen, um an das Wahre heranzukommen. So wie wahre Qualität durch das Minimieren von Unwesentlichem entsteht, so gehen wir auch hier vor: Wir lassen einfach das Spektakel und das Getue weg, und zum Schluss wird das übrig bleiben, worum es wirklich geht.
Aber das Weglassen bereitet uns in der Regel eben Schwierigkeiten. Weglassen heisst verzichten – und Verzicht schmälert zunächst einmal unser Wohlgefühl. Das ist der Grund, weshalb es die Stille so schwer hat. Erschwerend kommt hinzu, dass wir uns unter Stille überhaupt nichts vorstellen können. Jede Vorstellung braucht eine Erfahrung, und wenn wir die absolute Stille noch nie erfahren haben, können wir sie uns auch nicht vorstellen. Unsere Vorstellungen sind an Bekanntes gebunden, Unbekanntes können wir nicht in Erwägung ziehen, weil wir ja eben gerade keine Vorstellung davon haben.
Echtes Wissen beruht immer auf persönlicher Erfahrung. Wenn wir um eine Sache tatsächlich Bescheid wissen wollen, müssen wir sie selbst erlebt haben. Alles andere kann nur eine Beschreibung davon sein, aber nicht die Sache selbst.
Wenn wir Stille also noch nie wirklich erlebt haben, können wir sie uns auch nicht vorstellen. Und mit Stille ist nicht etwa nur Lautlosigkeit oder Ruhe gemeint, sondern eine Dimension von einer absoluten Gegenwärtigkeit, die weit über jedes.physikalische Phänomen hinausgeht: Es ist eine Ruhe, die zu unserem eigenen Zustand geworden ist. Wir selbst sind Stille. Es ist das, was Zeit und Raum überdauert, was uns unabhängig davon werden lässt und jenseits davon ist.
Das, was inmitten aller Veränderungen ganz und gar gleich bleibt.
Das, was uns als normal erscheint, hält uns gerade von der Erfahrung des andern ab. Unsere Sinne liefern uns die Eindrücke von dieser Welt, wie sie zu sein scheint – und darauf verlassen wir uns. Obwohl unser Seh- und unser Hörsinn erwiesenermassen nur einen geringen Teil aus dem ganzen Spektrum an Möglichkeiten aufnehmen können, denken wir, dass dies die ganze Realität ist – und verhalten uns dementsprechend. Das hat noch nicht einmal etwas mit der Stille und ihrer unfassbaren Schönheit zu tun, es zeigt einfach, wie sehr wir uns auf unseren gewohnten Blick verlassen, obwohl uns völlig klar sein müsste, dass diese Sichtweise uns nur durch einen sehr kleinen Spalt sehen lässt. Wir sehen nur einen kleinen Teil von dem,.was ist.
Was also spielt sich hinter dem Offensichtlichen ab?
Robert Lax, der amerikanische Dichter sagt: «Der Lärm kommt und geht, aber die Stille bleibt.»
Der Lärm, das ist unsere persönliche Realität. Die Stille ist das, was dahinter liegt: die absolute Realität.
Wir können uns diesem oder jenem zuwenden, und entsprechend wird unsere Sichtweise sein.
Es geht nur um unsere Fähigkeit, aufmerksam zu sein. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit erhöhen, wird sich unsere Sichtweise verbessern. Sie wird sich sogar ganz deutlich verbessern. Vielleicht so sehr, dass wir mit einem Mal sehen, dass wir bisher gar nichts richtig wahrgenommen haben, sondern uns nur vom oberflächlichen Schein haben in Beschlag nehmen lassen.
