Zwei Welten
Manuel Schoch und Martin Frischknecht
Sein Start ins Leben war denkbar ungünstig: Manuel Schoch wuchs als unerwünschtes Kind auf in einem Heim, in dem Kinder von Ordensschwestern misshandelt wurden. Die Gabe der Hellsichtigkeit half ihm, den Schrecken der ersten Jahre zu überstehen. Seitdem lebt er in zwei Welten. Mit sechs Jahren wurde er in eine wohlhabende Arztfamilie adoptiert. Was das Leben wirklich mit ihm vorhatte, erfuhr er, als er lernte, seine Gabe zum Nutzen anderer einzusetzen. Eine berührende Lebensgeschichte voller glücklicher Wendungen, ein überzeugendes Plädoyer für das worauf es im Leben wirklich ankommt: die Qualität des Herzens.
Gebunden, 198 Seiten, mit biografischen Fotos, E 19.–, Fr. 29.–
ISBN 978-3-905752-05-2
Buchvernissage: Montag, 1. Oktober 2007, 19.30 h, Helferei Grossmünster, Kirchgasse 13, 8001 Zürich. Die Autoren im Gespräch, Musik vom Trio Sternenstaub.
Buchauszug
Walter, Manuel, Mensch
Ich heiße Walter Müller. Am 18. August 1946 bin ich in Luzern, einer katholischen Stadt in der Mitte der Schweiz, zur Welt gekommen. Die Umstände meiner Geburt waren alles andere als glücklich. Die meiner Kindheit eben-falls nicht. Das lässt sich nachlesen in verschiedenen amtlichen Dokumenten, die ich vor kurzem erst zu Gesicht bekam. Bevor mir Kopien dieser Papiere ausgehändigt wurden, musste ich so etwas wie eine kleine Prüfung bestehen. Die zuständige Beamtin versuchte im Voraus zu ergründen, wie ich wohl auf die Tatsachen meines Lebens reagieren würde. Sie wollte wissen, ob ich die Wahrheit ertragen würde. Andere Kandidaten, die sie aufsuchten, waren nicht zurechtgekommen mit der Wahrheit ihres Lebens – und hatten sich umgebracht.
Diese Gefahr besteht bei mir nicht. Ich bin im Frieden mit dem, was war, und das Wesentliche meiner Kindheit ist mir vertraut. Ich habe mich daran erinnert und ich habe mich danach erkundigt. Es war schrecklich. In den ersten Jahren meiner Kindheit wurde ich bedroht, geschlagen, misshandelt, und da war kein erwachsener Mensch, der sich um mich gekümmert oder mir geholfen hätte. Wie sollte ich das auch vergessen können? Das Trauma meiner Kindheit hat mich seit je begleitet. Es raubt mir den Schlaf, und es zeigt mir, wer ich wirklich bin.
Ich heiße Manuel Schoch. An einem Sommertag des Jahres 1952 um die Mittagszeit bin ich in Zürich zur Welt gekommen. Da war ich ein sechsjähriger Junge. Die Umstände meiner Ge-burt waren äußerst glücklich: Vor mir auf einem Tisch stand ein Teller mit Salzkartoffeln, einem Spiegelei und Spinat – ein Essen, wie ich es zuvor weder gesehen noch gerochen, geschweige denn geschmeckt hatte. Herrlich. Und von diesem Essen an wurde alles nur noch schöner. Ich wurde zum einzigen Sohn einer reichen Berner Ärztefamilie und lebte in einem stattlichen Haus mit Park. Später heiratete ich so etwas wie eine französische Prinzessin. Wir waren glücklich bis ans Ende aller Tage.
Dieses Ende kam ziemlich bald, doch das ist eine andere Geschichte. Ich werde sie zu gegebener Zeit erzählen.
Heute bin ich verheiratet mit einer grie-chischen Frau. Wir haben einen Sohn, wir arbeiten beide als Therapeuten und pendeln zwischen Zürich, Athen und London. Mein Leben ist erfüllt, ich kann von mir sagen, dass ich glücklich und zufrieden bin.
Ich bin nicht Walter Müller, und ich bin nicht Manuel Schoch. Ich bin ein Mensch. Als Mensch wurde ich geboren unter den widrigsten Umständen. Aber auch schöne Erlebnisse haben es mir immer wieder bestätigt: Ich bin nicht der, der ich zu sein scheine. Meine Essenz, das, was mich im Innersten ausmacht, liegt jenseits meiner Erscheinung. Es ist ein lebendiger Kern, der nicht mir gehört und der mich mit allem verbindet. Mir geht es um diesen Kern in unverstellter Reinheit. Davon handelt dieses Buch. Wenn ich von Walter Müller und von Manuel Schoch erzähle, so tue ich es, um am Beispiel meiner Lebensgeschichte diesen Kern sichtbar zu machen.
Das Außergewöhnliche dient mir dazu, das Allergewöhnlichste herauszuschälen, das in uns allen steckt und uns doch so wenig vertraut ist. Mystiker und Weise aller Zeiten haben davon gesprochen. Sie nannten es «Gott», «Erleuchtung» oder «höchste Vereinigung». Wir glauben, dass es sich hierbei um die ekstatischen Er-fahrungen einiger weniger Auserwählter han-delt. Diesem weit verbreiteten Vorurteil widerspreche ich und sage: Ich bin ein Mensch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Genau wie Sie. Wie Sie muss ich jeden Tag sterben, und wie Sie werde ich Tag für Tag neugeboren. Als Mensch. Etwas Schöneres weiß ich nicht.
