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  Edition SPUREN Buch-Auszug
 
Das Evangelium des Thomas
Jean-Yves Leloup übersetzt und kommentiert
Von der Kirche verfemt und unterdrückt, war dieser Text 1500 Jahre lang nicht viel mehr als ein Gerücht. 1945 wurde das Evangelium des Thomas zusammen mit weiteren verbannten Schriften des frünen Christentums wiederentdeckt: 114 Aussprüche des Meisters aus Nazareth, frei von Beiwerk und Legenden, dicht und roh wie ungeschliffene Diamanten. Jean-Yves Leloup.hat das Evangelium des Thomas in eine zeitgemäße Sprache übertragen. Mit seinen Kommentaren erschließt der französische Mystiker den inneren Gehalt der Jesus-Worte. Daraus ergeben sich vielfältige Bezüge zu den großen Weisheits-Traditionen der Welt: Jesus, der Meister, erfüllt vom Atem einer gelebten SpiritualItät, wie sie nicht im Buche steht.
Aus dem Französischen übersetzt von Maike und Stephan Schuhmacher, gebunden, 262 Seiten, Euro 19.50, Fr. 32.– ISBN 978-3-905752-08-3

«Das Thomas-Evangelium kam bedauerlicherweise nicht in den Kanon der biblischen Schriften. Es stand offenbar in Konkurrenz mit dem Johannes-Evangelium. Schade! Es finden sich wunderbare Stellen darin.» Willigis Jäger

Buchauszug

Logion 42
Jesus sprach:
Seid Vorübergehende!


Das Thema des Vorübergehens oder des Passah ist im Christentum wichtig (das Hebräische peschar, passah, bedeutet «vorübergehen»). Wir sind Pilger und Vorübergehende auf dieser Erde. Wir sind auf der Durchreise. Man baut sein Haus nicht auf einem Weg oder auf einer Brücke. Man muss vorübergehen. Die Jahre vergehen. Alles vergeht. Was verginge nicht?
Psychologisch gesehen ist es bereits ein Zeichen von geistiger Gesundheit, wenn man sich als «vor-übergehend» betrachte: Das entspricht einfach der Wirklichkeit. Zu wissen, dass dieses unerträgliche Leiden «vorübergehen» wird, macht es schon gleich erträglicher. Zu wissen, dass dieses faszinierende Vergnügen «vorübergehen» wird, macht uns ihm gegenüber freier und wir werden weniger traurig sein, wenn es sich verabschiedet.
Die Geschichte des Königs, der eines Nachts träumte, er besäße einen wundersamen Ring, dürfte bekannt sein. Wenn er deprimiert oder unglücklich war und den Ring betrachtete, entstand eine große Ruhe in ihm. Wenn er begeistert war oder sich zu überschwänglichem Jubel hinreißen ließ und den Ring betrachtete, entstand wiederum eine große Ruhe in ihm, und seine Freude wurde friedlich. Am Morgen, nachdem er erwacht war, trug er seinen Dienern auf, einen solchen Ring für ihn anfertigen zu lassen oder einen entsprechenden Ring irgendwo in seinem Königreich aufzutreiben ...
Nach langer Suche fanden die Diener endlich diesen Ring am Finger einer alten Frau, die äußerlich gesehen nicht als jemand «Außergewöhnliches» erschien. Sie war einfach nur von einer heiteren Gelassenheit. Nur zu gern überließ sie dem König ihren Ring. Die magische oder wundersame Wirkung setzte sofort ein. Nach einigen Tagen schien der König von seinen manisch-depressiven Anfällen, von dieser Abfolge von Überschwang und Depression, befreit zu sein. Jenseits von Lachen und Weinen entdeckte er die Großartigkeit und die Schönheit des Lächelns.
Auf der Innenseite des Rings stand in goldenen Lettern eingraviert: «Auch dies wird vergehen.»
Es ist gut, sich an diesen kurzen Satz zu erinnern, wenn man in einem Krankenhausbett liegt: «Auch dies wird vergehen», oder wenn man sich nicht aus der Umarmung eines geliebten Menschen losreißen mag, weil das Glück so groß ist: «Auch dies wird vergehen.»
Der Versuch, den Wechsel von Ebbe und Flut des Lebens aufzuhalten, ist das, was Leiden verursacht. Es geht darum, das gehen zu lassen, was geht, in dem zu verweilen, was verweilt.

«Seid Vorübergehende!» bedeutet auch, auf dem Weg zum anderen Ufer zu sein, von der Finsternis ins Licht, aus dieser «Welt» zum Vater, wie Jesus es ausdrückte. Von dem, was vergeht, zu dem zu gehen, was nicht vergeht, zu dem ungeborenen Leben zu erwachen, am anderen Ufer seiner selbst aufzuerstehen. Man sagte vom heiligen Bernhard, er habe das Gesicht eines Menschen, der nach Jerusalem zöge – das Gesicht eines Vorübergehenden mit einem unheimlich aufmerksamen Blick.
Ein Vorübergehender sieht alles zum ersten und zum letzten Mal. Er wendet sich nicht um. Er genießt jeden Augenblick als den Ort selbst des Übergangs zum gegenwärtigen Ewigen.

Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte man einen Spruch, der in arabischen Buchstaben auf dem Portalvorbau der alten Stadt Fatehpur Sikri eingraviert war, die der Großmogul Akbar der Gerechte im Süden von Delhi erbaut hatte, – ein Echo unseres Logion:

Jesus, der Friede sei mit Ihm, sagte:
Die Welt ist eine Brücke –
Gehe hinüber,
aber baue nicht dein Haus darauf.

Diese Zeile, die immer Jesus zugesprochen wird, wird von mehreren muslimischen Autoren zitiert, darunter Al-Ghazali (1059–1111).


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Kommentare:

Dank gebührt dem SPUREN-Verlag, dass er das Wagnis auf sich genommen hat, dieses Büchlein mit den 114 Logien ("Meisterworten") nach der Vorlage von Leloups erstmals 1986 in Französisch erschienenem Kommentar ins Deutsche zu übersetzen. Den Kommentar finde ich sehr inspirierend. Nicht, dass ich darauf gewartet hätte, dafür kannte ich ehrlich gesagt Leloup zu wenig. Aber nun reuen mich die 32 Franken, die ich für wieder eine Ausgabe des Thomas Evangeliums ausgegeben habe, keine müde Sekunde. Dieser Kommentar (und es gibt ja noch andere in dt.) ist das Geld wert! Damit kann sich nun wirklich jederman/jedefrau - und das sei nur nebenbei gesagt - für wenig Geld davon überzeugen, dass die "böse Kirche" nicht mit geheimen gnostischen Dokumenten zurückhält. Wie könnte sie auch? Zu viele ForscherInnen sind schon seit Jahrzehnten daran, jedes kleinste Stück apokryphen Papyrus' aufs Genauste zu sichten und auszuwerten. Und mit der lateinischen (!) wie englischen Version des ursprünglich koptisch geschriebenen Thomas Evangeliums habe ich schon anfangs Theologiestudium (das war vor mehr als 20 Jahren) Bekanntschaft geschlossen. Doch jetzt geniesse ich einfach die neue Ausgabe und kann richtig toll jedes einzelne Logion verkosten und auf mich wirken lassen. Die zahlreichen Querverweise auf die "richtige" Bibel, die jedes einzelne Logion begleiten, erleichtern es zudem eminent, Bezüge herzustellen, die sonst mit einiger Sucharbeit verbunden sind. Ich bin schlicht begeistert. Dieses schön aufgemachte Büchlein lässt sich geradezu exzellent in meiner Pfarramtspraxis brauchen. Nochmals: Vielen Dank für die tolle Arbeit! Ich hoffe und wünsche dem SPUREN-Verlag, dass sich die Investition in die Übersetzung auch in verlegerischer Hinsicht auszahlt, mindestens mit der Zeit. Pfr. Peter Hofmann (Fällanden ZH)

14.08.2008 - 1:46 | Peter M. | Profil
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