Alle Welt hat zu tun
Christian Bobin
Man schreibt das Jahr 2002. Frankreichs Literatur beschäftigt sich mit Sex, Macht und Ausschweifung. Ganz Frankreich? Nein! In einem Kleinstädtchen des Burgund schreibt ein Mann kurze Werke voller Poesie und Spiritualität: Christian Bobin. In seinem Roman «Alle Welt hat zu tun» unterhält sich ein Kanarienvogel mit einer Katze über Philosophie und Mystik. Ein Kleinkind weissagt die Zukunft, noch bevor es recht sprechen kann. Und die Kinder, die kommen bekanntlich davon, dass eine Frau und ein Mann liebäugeln und sich küssen.
Aus dem Französischen übersetzt von Annalis Prendina und Stephan Schumacher
122 Seiten, gebunden, CHF 26.-/EUR 16.- ISBN 3-9521966-4-9
«Christian Bobin hat die Gabe, Sorgen zu vertreiben und Sie zu bezaubern» Eric Olivier, Figaro
Buchauszug
Ariane
Ariane trank, tanzte, lachte. Blaues Kleid, rotes Herz. Eine schöne Hochzeit. Getränke, Tanz, Vertraulichkeiten. Man hatte für den Anlass ein Schlösschen gemietet. «Schlösschen» ist vielleicht ein wenig übertrieben. Eher ein grosses Gehöft mit weitläufigen Räumen, dicken Mauern und niedrigen Decken. Ariane trank viel, tanzte viel und lachte noch viel mehr. Niemand hatte sie je erziehen, ihr gute Manieren beibringen können. Gute Manieren sind traurige Manieren. Ariane war kein Kind von Traurigkeit. Sie liebte und sie begehrte. Alles andere zählte nicht. Das Leben ist so kurz. Gib mir, was ich liebe. Ich will nichts als die Wahrheit. Gib mir, was du bist, und lass fahren, was deine Meister dir beigebracht haben, vergiss, was sich gehört. Das war der Zauber von Ariane: eine seltene Fülle von Präsenz, frisch, schlicht und einfach machend. Du nimmst mich, du lässt mich, vor allem aber erteilst du mir keine Lektionen, du sagst mir nicht, wie ich sein soll. Wie du, so bin auch ich ein Geschenk Gottes. Und einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Das Leben verfliegt so schnell, man sollte es doch wohl mit ein wenig Enthusiasmus angehen - oder? Alles an Ariane sprach auf diese Weise. Ihren Bräutigam hatte sie aus zehn Kandidaten erwählt. Die Hochzeit war ein Tag der Freude für diesen einen Mann und ein Tag der Trauer für neun andere Männer. Eine fröhliche Trauer, berauschend und farbenfroh: Ariane konnte man nicht böse sein. Kann man denn dem Frühling böse sein? So ist Ariane, und so ist das Leben. Verwundung und Licht ereilen dich zugleich. Das eine lässt sich nicht vom anderen trennen, und zum Nachdenken bleibt keine Zeit, weder Pause noch Aufschub. So ist das Leben, und so ist Ariane, beides vermählt zu einem.
Klassische Hochzeit. Zuerst das Rathaus, dann die Kirche. Zum Rathaus kein Kommentar, alles perfekt. Ruhig, kühl, republikanisch. Der Bürgermeister ist im Urlaub. Er wird vertreten vom Kulturbeauftragten. Der leidet an einem Magengeschwür, hat eine Tochter, die bald das Elternhaus verlassen wird, um in Australien zu studieren, und eine Frau, die ihn seit zwölf Jahren Dienstagabend für Dienstagabend mit demselben Liebhaber betrügt. Der Kulturbeauftragte glaubt nicht an die Tugenden der Ehe. Das trifft sich gut, denn niemand erwartet, dass er daran glaubt. Man verlangt von ihm nur, dass er einige Gesetzesartikel verliest, und das bitte ohne Unterton. Vor allem ohne Unterton. Er macht seine Sache gut. Eine Stunde später die Kirche. Nach dem Gesetz die Gnade. Doppelt genäht, hält besser. Keine Ahnung, ob in dieser Kirche jemand an Gott glaubt - der Priester inbegriffen (denkt Ariane). Die Füsse tun mir weh. Ich hätte nicht diese Schuhe anziehen sollen (denkt der Bräutigam). Noch nie hat meine Tochter so gestrahlt wie heute. Jedes Mal, wenn sie dabei ist, eine Dummheit zu begehen, strahlt sie (denkt Arianes Mutter). Ich habe Durst (denkt Arianes Vater). Diese junge Frau ist wirklich schön. Und sie hat Charme. Sie macht mich nervös, und sie weiss es. Herr, ich weiss wohl, dass du durch viele Prüfungen gegangen bist. Was aber ist mit der Ehe? Was hältst du davon? Du bist ihr doch tunlichst aus dem Weg gegangen - oder? (denkt der Priester). Was findet sie bloss an dem Kerl? Was findet sie an dem? (denken Arianes andere Kandidaten in den hinteren Kirchenbänken). So vielfältig die Gedanken, so vielfältig die Anwesenden. Alle sind sie gewaschen, parfümiert und im Sonntagsstaat. Der Priester vergisst seine Gefühle und findet wieder zu seinem Glauben, in extremis. Er wird wieder ganz Priester und waltet seines Amtes, das kein Geringes ist. Nun will mit Überzeugungskraft gesprochen sein, sodass Gottes Wort (jawohl, nichts geringeres denn Gottes Wort, jenes grosse Strahlen der Sonne) diese Mauer von Parfum, Gedanken und Sonntagsstaat durchdringen möge. Möge es stark genug sein, um bis zu den Seelen zu dringen und einige zu berühren. Wenigstens einige. Wenigstens eine. Eine nur, und es hätte sich gelohnt. Natürlich kann man das nie wissen. Also dann. Der Priester spricht. In der kühlen Kirche schaffen seine Worte den Raum für einen Strahl des Feuers. Da geschieht etwas, für einige der Anwesenden, zumindest für wenige Minuten. Das Gemeine ist vergessen. Liebe liegt in der Luft. Nicht alle bekommen das mit. Ariane ist begeistert. Der Priester schliesst, und sie muss sich beherrschen, ihn nicht auf den Mund zu küssen. Was er da gesagt hat, das hat sie von ihrem Bräutigam noch nie zu hören bekommen. Und das ist wohlgemerkt keine Frage des Vokabulars, des Berufs oder der Erziehung. Keineswegs. Also, Gott war gekommen, Gott war gegangen. Man verlässt die Kirche. Ariane und ihr Bräutigam schreiten voran unter einem Regen von Rosen. Alle sind erleichtert. Endlich kann das Fest beginnen, auf das alle gewartet haben - es sei denn, es hätte bereits stattgefunden.
Ariane trägt ein himmelblaues Kleid. Wenn sie tanzt, hat man den Eindruck, der Himmel werfe Falten. Unter dem Himmelblau der lieblichste Körper auf Erden. Und in diesem Körper ein Herz, das so gewiss schlägt wie eine Trommel. Der Abend ist fortgeschritten. Einer nach dem anderen fallen die Gäste in Schlaf, sinken auf die Tische, die überladen sind mit Fleisch und Likör. Auch die Kapelle fällt der Ermattung anheim. Glück ist eine ermüdende Sache. Zuerst schläft der Mann am Akkordeon ein, bald gefolgt vom Gitarristen. Am längsten hält sich der Sänger auf den Beinen. Tatsächlich schläft er stehend ein, während er sich weiterhin am Mikrofon festhält. Er singt allerdings in seinem Traum weiter. Da haben nur noch Ariane und ihr Bräutigam die Augen offen, beide jeweils an einem Ende des Saales. Ein Teil einer Hochzeit gehört dem Tag, ein anderer Teil der Nacht. Nun hat die Nacht begonnen. Alle Gäste, ohne Ausnahme, sind vom Schlaf übermannt. Was nun folgt, soll niemand sehen. Wenn dieser Akt vollzogen ist, werden die Gäste auf einen Schlag erwachen und Freudenschreie ausstossen. Der Tanz wird wieder aufgenommen werden, die Weinflaschen werden erneut kreisen. Aber erst einmal muss Folgendes geschehen: Die Braut entledigt sich ihres himmelblauen Kleides und legt es sorgfältig über einen Stuhl. Mit beiden Händen fasst sie sich unter die linke Brust, greift in das Fleisch und holt sich das Herz aus dem Körper. Langsam, ohne ihren Ehemann aus den Augen zu verlieren, dreht sie ihr Herz unter dem Neonlicht in den Händen. Mit ihrem nackten Herzen auf den weissen Händen durchquert sie mit kurzen Schritten den Raum, um es ihrem Bräutigam anzuvertrauen. Der Bräutigam schaut sie an, wartet. Ariane schreitet, steigt über schlafende Körper hinweg, stösst einen Kristallkelch um. Nun befindet sie sich zwei Meter vor ihm. Das Herz schlägt in ihrer Hand wie ein gefangener Spatz. Jetzt steht sie einen Meter vor ihm, betrachtet ihn. Sie sieht den Schatten in seinen Augen. Sie schaut, was die kommenden Jahre bringen werden. Sie weiss, dass weder dieser noch irgendein anderer Mann umzugehen weiss mit einem Herzen, so frisch und so rot. Da zögert sie im letzten Augenblick und öffnet ihre Hände ein wenig zu früh - und ihr Herz fällt dem Bräutigam zu Füssen. Der macht keine Anstalt, es aufzufangen. Das Herz fällt zu Boden und zerschellt in drei Teile. Also wird sie drei Kinder haben. Und sie wird ihre Kinder dort hinter den Bergen zur Welt bringen.
Ariane hebt die drei Bruchstücke vom Boden auf und steckt sie irgendwie zurück in ihre Brust. Sie zieht das himmelblaue Kleid wieder an. Genug gesehen, genug getanzt. Sie geht, ohne noch einen Blick auf die anderen zu werfen. Ihr Bräutigam wird für immer genau dieser Mann bleiben, versteinert, die Augen Tag und Nacht weit offen, als hätte man ihm die Augenlider abgebrannt, stehend in einem Saal voller Schlafender. Draussen erwacht ein neuer Tag. Ariane geht leichtfüssig, pflückt Brombeeren im Vorübergehen. Sie sucht nach einem Namen für das Kind, das als erstes kommen wird. Sie weint. Nun kennt sie das Gewicht von Tränen. Sie bedauert nicht, es zu kennen. Die Engel, sagt sie sich, wissen bestimmt nicht darum. Der Geist strahlt, leuchtet, brennt - doch er weint nicht! Die Engel, diese Wesen reinen Geistes, haben weniger Glück als wir. Genau das sagt sie sich, während sie sich die Hände mit den Brombeerflecken am himmelblauen Kleid abwischt. Sie geht weiter in die Tiefe der Landschaft. Sie beginnt auf die Berge zu steigen. Sie besteigt sie, und während des Kletterns weint sie und lacht.
Es gibt Narren, die sind so närrisch, dass nichts ihren Augen jemals dieses wunderbare Fieber der Liebe zu rauben vermag. Gesegnet sollen sie sein. Dank ihrer ist die Erde rund. Dank ihrer erwacht immer wieder ein neuer Tag, ein neuer Tag, ein neuer Tag.
