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Steven Harrison
 

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  Edition SPUREN Buch-Auszug
 
Sei wo du bist
Steven Harrison
Gross ist das Bedürfnis nach geistiger Sammlung, gross auch das Angebot an Methoden zur Meditation. Steven Harrison unterzieht dieses Angebot einer kritischen Prüfung. Ist es Achtsamkeit, ist es Hingabe, sind es Chakren und Mantren, die zur Erleuchtung führen? Braucht es Disziplin, einen Lehrer und enorm viel Zeit? Hier und Jetzt!
Der Autor von «Nichts tun» räumt auf mit den Mythen der spirituellen Szene. Ein moderner Mystiker stiftet an zur Wahrheit des Offensichtlichen: Wir alle sind Meister der Meditation. Vorüberziehende Wolken trüben nicht den Himmel.
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Stephan Schumacher
240 Seiten, gebunden, CHF 34.-/EUR 22.- ISBN 3-9521966-6-5


Buchauszug

Feierabend für Erleuchtete

Drei berühmte spirituelle Lehrer, ein Yogi, ein Mönch und ein Derwisch, trafen einst zusammen und forderten sich gegenseitig heraus, gegenseitig in völliger Offenheit von ihren Schwächen zu erzählen.
Der Yogi sagte: «Obschon ich für meine strenge Askese bekannt bin, muss ich gestehen, dass ich es trotz meines Ringens um Überwindung des Begehrens immer noch liebe zu trinken.»
Der Mönch errötete leicht vor Scham, war aber bereit, sich der Herausforderung zu stellen: «Ich habe kein Problem mit dem Alkohol, aber obwohl ich meditiert und gebetet habe, kann ich es nicht lassen, der Versuchung der Frauen zu erliegen.»
Nun gab es eine lange Pause. Daraufhin wandten sich die beiden geständigen erleuchteten Wesen dem Derwisch zu und fragten: «Nun, was ist deine Schwäche?»
«Ach, wisst ihr», sagte der Derwisch, «ich habe diesen fürchterlichen und nicht zu bremsenden Drang, Klatsch zu verbreiten.»
Erleuchtete Lehrer erzählen uns vom kosmischen Bewusstsein. Sie berichten von feinstofflichen Welten und den unendlichen Errungenschaften des spirituellen Pfades. Selten aber verraten sie uns, was sie mit ihrer Freizeit anfangen.
Wir stellen uns vor, wenn wir solch ein erleuchtetes Wesen wären, dann würden wir früh aufstehen für unsere Morgenmeditation und einen Cappuccino trinken. Wir würden unserer Frau einen Abschiedskuss geben, bevor wir uns in den Trubel des Berufsverkehrs stürzten, den wir selbstredend mit Gleichmut bewältigten. Im Büro angekommen, würden wir den Tag damit zubringen, gute Werke zu tun, Menschen in ihrer spirituellen Praxis zu unterstützen und unsere Verehrer in ihrer Verehrung zu bestärken. Nie brauchten wir uns Sorgen zu machen um die Hypothek, die auf unserem Haus lastet, um die Miete für unser Büro oder die Telefonrechnung; nicht einmal die Frage, wie wir das Geld unter unserer Matratze investieren könnten, würde uns bekümmern. Das sind weltliche und unwesentliche Details, die man am besten anderen überlässt.
Wir würden uns zu einem Arbeitsessen mit Reportern treffen, die darauf brennen, uns zu fragen, wie man die Probleme der Welt lösen kann, oder wir träfen uns vielleicht mit anderen erleuchteten Wesen, die gerade auf der Durchreise sind. Nachdem wir noch mal im Büro angerufen haben, um zu checken, ob es noch irgendwelche in letzter Minute aufgetretenen Krisen zu meistern gibt, würden wir uns früher auf den Heimweg machen, um dem Berufsverkehr zu entgehen.
Wir könnten uns vorstellen, ein leichtes, gesundes Abendessen einzunehmen, begleitet von witzigen, auf subtile Weise tief gründigen Gesprächen mit unserer uns anhimmelnden Gefährtin, vielleicht auch im Kreise einiger enger Gefährten. Engelgleiche Kinder huschten herum, ohne den geringsten Krach zu machen. Sie würden einander wahrscheinlich bei den Hausaufgaben helfen oder sich leise über die Wunder des spirituellen Lebens unterhalten.
So weit, so gut. Es fällt ja nicht schwer, uns vorzustellen, wie das Leben für ein erleuchtetes Wesen aussieht.
Aber was dann? Ist es Zeit für die Abendnachrichten, ein Kreuzworträtsel, Stricken? Was tun wir an Wochenenden, was in den Ferien? Was machen wir zu Neujahr, wenn alle Geschäfte geschlossen sind? Sollten erleuchtete Wesen nicht irgendetwas Erleuchtetes tun?
Was fangen Erleuchtete mit ihrer Freizeit an? Und warum spricht kein Mensch darüber?
Kann es sein, dass Erleuchtete sich die Abendnachrichten ansehen, dass sie ein Video ausleihen oder zu Hause Computerspiele spielen? Könnte es sein, dass sie unerleuchtete Dinge tun? Wenn sie nach Feierabend genauso sind wie wir, sind sie dann während der Bürostunden wirklich so, wie sie vorgeben zu sein? Vielleicht können sie es gar nicht erwarten, endlich mit ihren tief gründigen Darlegungen fertig zu sein, damit sie nach Hause gehen können, um die letzten Kapitel eines angefangenen Liebesromans fertig zu lesen, oder damit sie online ihre Börsenkurse abfragen oder mit Freunden am Telefon ratschen können.
Vielleicht langweilt ihre Arbeit sie ja auch, und sie haben das Gefühl, ihr Leben zu vergeuden. Vielleicht bereuen sie es, nie das Abitur geschafft zu haben. Vielleicht fragen sie sich, warum sich niemand jemals nach ihrem Wohlergehen erkundigt. Vielleicht wären sie froh um die Freiheit, gelegentlich einen schlechten Tag haben zu dürfen. Erleuchtet sein ist gewiss kein leichter Job - das Einkommen mag ja hervorragend sein, aber die Präsenzzeiten sind enorm, und nie hat man so recht Gelegenheit, sich zu entspannen und sich hängen zu lassen.
Wenn die Erleuchteten sich aber verhalten wie unsereiner, vielleicht sind sie dann ja einer von uns, ja, und dann müssen wir wohl einer von ihnen sein. Vielleicht ist in diesem Erleuchtungsgeschäft ja alles ein wenig anders, als es scheint.
Lassen Sie uns beim nächsten erleuchteten Wesen, dem wir begegnen, mal ein wenig nachhaken. Lassen Sie uns herausfinden, wie es diesen Menschen wirklich geht - und was sie mit ihrer Freizeit anfangen.
(Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Stephan Schumacher)


Seitenaufrufe: 6864 - Kommentare: 3
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Kommentare:

Nichts tun und eins sein spricht für sich, das Neue werde ich mir jetzt gleich bestellen.

02.12.2003 - 18:57 | christian Müller | Profil

Einfach inspirierend! Wie alle Bücher von Steven H. 1000 neue Fragen, die ohne Antwort bleiben - das ist gut. Denn sogenannte Meister die uns sagen was wir erleben sollen gibt es genug. Steven zeigt auf wie wir erleben können und daraus ziehen wir selbst unsere eigenen Schlüsse. Wer bereit ist selbst hinzusehen und selbst zu denken dem wird dieses Buch eine grosse Freude sein. Steben H. ist ja wahrlich nicht ohne (trockenen) Humor. Wer eine Anleitung zum Leben sucht und nach Vorbildern fragt, dem wird das Buch allerdins nichts birngen.

15.05.2005 - 20:55 | Peter Schmid | Profil

"Sei wo Du bist" - eine einfach Formel, die leider keine Bedeutung mehr hat. Wer kennt denn schon den Unterschied zwischen "Ich bin hier" und "Ich bin da"? Der alte Indianer, wenn er einen Weg mit einem Hilfsmittel zurückgelegt hat, setzt sich auch auf die Erde und wartet bis seine Seele angekommen ist. Da ist es dann richtig "Sei wo Du bist". Auch wenn Steven Harrison schreibt: "Gross ist das Bedürfnis nach geistiger Sammlung, gross auch das Angebot an Methoden zur Meditation." - so hat es doch m.E. nur den allgemeinen Anschein, dass der Mensch mehr und mehr zum Konsumenten äußerer Hilfen erzogen wird. Was nützt die größte geistige Sammlung, wenn sie nicht gelebt oder noch besser verinnerlicht wird? Was nützt das konsumieren von neuen Methoden, das springen von einer Hilfe zur anderen? -------------------------
Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch seinen Schlüssel findet, wenn er bereit ist, diesen dann auch zu benutzen. Jede Hilfe von außen ist angebracht, wenn der Mensch dann noch in der Lage ist zu unterscheiden in das, was für sein Ursein wichtig ist und was ihn davon ablenkt. Insofern ist dieses Buch ein Schritt auf dem Weg.

Mit herzlichen Grüßen
Anthego

06.02.2007 - 19:25 | Anthego | Profil
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