Der Weg des Bienenschamanen
Simon Buxton
Mitten in Europa, wo immer Bienen summen und Imker Honig gewinnen, lebt im Verborgenen eine Form von Schamanismus: der Pfad des Pollens. Simon Buxton nimmt seine Leser mit auf eine abenteuerliche Reise in eine andere Wirklichkeit.
Bereits als kleiner Junge macht der Autor die Bekanntschaft eines schrulligen alten Imkers, der sich auskennt mit den vielfachen Heilwirkungen von Honig, Pollen und Bienengift und ihm das Leben rettet. Als junger Mann gerät der Autor an «Bridge», einen verschrobenen Bienenmeister, der ihn aufnimmt als Lehrling auf dem Weg des Bienenschamanen. Schritt für Schritt durchläuft der Adept eine Reihe von Initiationsritualen. Er träumt sich als Drohne in das Innere eines Bienenstocks, er begegnet den Mitgliedern eines geheimnisvollen weiblichen Bienenkultes, und schließlich sieht er sich vor die Aufgabe gestellt, mit bloßen Händen in freier Wildbahn ein mächtiges Tier zur Strecke zu bringen. Dem Lehrling enthüllen sich die Geheimnisse eines schamanischen Weges, der so alt ist wie die Verbindung des Menschen zur Biene.
Aus dem Englischen übersetzt von Beate Metz
Gebunden, 215 Seiten, Fr. 32.– Euro 19.–, ISBN 978-3-90575211-3
«Nach der Lektüre dieses Buches fühlte ich mich wie eine Eingeweihte in das traditionsreiche weibliche Geheimwissen der heiligen Sexualität» Tori Amos, Musikerin
«Simon Buxton öffnet sich für die alte schamanische Weisheit des Bienenwegs und beschreibt sie so spannend, dass man nicht aufhören möchte zu lesen. Dieses Buch öffnet einen Weg ins Leben mit allen Wesen, insbesondere den Bienen». Luisa Francia, Autorin, Filmemacherin, Malerin,
www.salamandra.de
Buchauszug
Das erste Kapitel
Als ich schlief letzte Nacht
Als ich schlief die letzte Nacht,
da träumte ich – Wunschbild wundervoll! –,
in mein Herz sei eingebracht
ein Bienenstock: summend schwoll
der Bienen goldener Schwarm,
und der verwandelte insgeheim
all meinen bitteren Harm
in weiches Wachs und in Honigseim.
Antonio Machado
Ich höre nur das entfernte Summen, wie weißes Rauschen, vom Blut in meinen Ohren, ein Zeichen, dass ich noch am Leben bin. Manchmal ahne ich ein Lied, aber von der Außenwelt kommen keine Bilder. Ich bin allein, klein und voller Angst, verloren in einem Schneesturm aus weißem Licht gegen den schwarzen Himmel meiner Augenlider.
Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin. Ich bin neun Jahre alt, und die Welt ist schon seit Tagen so. Erst Jahre später werde ich erfahren, wie dieser Zustand heißt: Enzephalitis, ein Virus, welches das Gehirn angreift. Doch jetzt sind Namen und Bezeichnungen ohne Bedeutung. Ich kenne nur Dunkelheit und Stille.
Und dann taucht ein Gesicht auf, eines, das ich wiederzuerkennen meine. Ein alter Mann lächelt mich an, während ich in einer Traumlandschaft treibe und die lautlosen, bangen Tränen eines kleinen Jungen weine, der kurz davor steht, unendlich tief in den Tod zu fallen. «Es gibt nichts zu fürchten, Kleiner», sagt er. Er spricht deutsch. Er nimmt meine Hand. Zusammen springen wir in den Abgrund.
Aber wir landen nicht. Ich öffne meine Augen und blicke in seine. Es sind keine menschlichen Augen mehr. Ich schaue in Augen, die aus zahllosen glänzenden sechseckigen Linsen bestehen, von denen eine jede tief in meine Seele blickt. Es sind die Augen einer Biene, und wir fliegen.
Mühelos erreichen wir die andere Seite des Abgrunds und schweben sanft zur Erde. Wieder schaue ich in jene Augen und nun sind sie menschlich. Ich kenne sie. Es sind die Augen eines Freundes.
Er lächelt mich an. «Kleiner Bub, alles ist in Ordnung. Hab keine Angst», flüstert er.
Zwei Tage nach diesem Traum geht es mir so gut, dass ich etwas essen kann. Eine Woche später stehe ich auf und bin wieder ein quicklebendiger kleiner Junge.
Ich beschließe, meinen Freund, den Herrn Professor, zu besuchen, nachdem ich so lange von ihm weg war. Ich spaziere durch den Wald, der unsere beiden einsam liegenden Häuser voneinander trennt, vorbei an den Bienenstöcken, die in seinem Garten stehen, hinauf zu der dunklen Holztür. Noch ehe ich dazu komme, anzuklopfen, öffnet sich die Tür, und Herr Professor lächelt zu mir herunter.
«Ah, Kleiner», sagt er. «Wie schön, dich zu sehen. Siehst du, ich habe dir doch gesagt, dass es nichts zu fürchten gab.»
Ich hatte den Herrn Professor zwei Jahre zuvor kennengelernt, als meine Familie vom Norden Englands nach Österreich, in den Wienerwald, gezogen war. Sein Haus war das einzige Nachbarhaus im Umkreis von einer -Meile – wenn man es überhaupt ein Haus nennen konnte. Es war eher eine Mischung aus Tirolerhaus und Dschungelhütte und stand auf seinem Waldgrund, von kriechendem Unterholz bedeckt, das er so wenig wie nötig beschnitt, damit es möglichst wild blieb. Herr Professor war lieber ein Teil seiner Umgebung, statt diese zu beherrschen.
Meine Eltern freundeten sich mit dem Herrn Professor an, als wir in unser neues Heim einzogen. Sie lernten ihn als gebildeten Menschen schätzen und baten ihn, mir Deutsch beizubringen. Dem stimmte er gern zu, doch schließlich verwandten wir nur wenig der gemeinsamen Zeit auf das Erlernen der Sprache. Stattdessen erlebten wir Abenteuer, während wir den wilden Wald dieser für mich fremden, neuen Umgebung erkundeten. Oder er erlaubte mir, seine zahlreichen Trommeln zu spielen – riesige, flache Trommeln aus Tuwa und Lappland und von anderen seltsam klingenden, weit entfernten Orten. Manchmal fesselte er mich mit Geschichten über seine Abenteuer in den Dschungeln von Mexiko und Peru, und er veranschaulichte seine Erzählungen von Jaguaren und Schlangen und Einbäumen, von ekstatischen Ritualen und Vollmond-Riten mit Kuriositäten und Kraftgegenständen, die er mit nach Hause gebracht hatte: Speere und Schilde, Steine und Ranken, und am meisten faszinierte mich ein Schrumpfkopf von einem geheimnisvollen Stamm, der am Amazonas leben sollte.
Wir wurden sofort Freunde. In der Einsamkeit der Wälder war ich glücklich, jemanden zu haben, mit dem ich reden und spazieren gehen konnte. Dieser weise Mann ließ mich an seinem Wissen über die Wälder und die Welt teilhaben, und er enthüllte mir den Reichtum der Gaben, die beide zu bieten haben. Herr Professor hatte schon so lange allein gelebt, dass ihm meine jugendliche Ausgelassenheit eine Freude war und meine Gesellschaft eine Quelle sanfter Belustigung.
Natürlich wusste ich damals nicht, dass mein Freund Professor war – auch wenn ich ihn immer mit diesem Titel ansprach. Später erfuhr ich seine wahre Identität. Er war Universitätsprofessor gewesen, ein äußerst angesehener Mann, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang Tausende von Studenten unterrichtet hatte, und er hatte die Welt bereist – auf der Suche nach seiner persönlichen Wahrheit. Er war auf allen fünf bewohnten Kontinenten unterwegs gewesen und hatte die entlegensten Ecken der Welt erkundet. Er hatte mit indigenen Völkern gelebt und deren einfache Lebensweise angenommen, bis die wissenschaftliche Vorgehensweise sich zu persönlichem Glauben und immensem Respekt wandelte. Denn er hatte Schamanen und weise Männer und Frauen dieser Stämme ihre täglichen Wunder vollbringen sehen, was die Gesetze seiner westlichen Wissenschaft in Frage stellte.
Er hatte diese Gaben der Einsicht an seine Universität zurückgebracht, und seine Studenten hatten davon profitiert. Aber er hatte auch etwas anderes mitgebracht: die Kräfte des Schamanen. In seinem Respekt und seiner Bewunderung für diese «wilden» Männer der Kraft hatte er mit ihnen gearbeitet und war schließlich in die Mysterien im Herzen ihrer Traditionen eingeweiht worden. Insbesondere hatte er die Geheimnisse eines schamanischen Pfades kennengelernt, der so uralt und geheim war, dass das Wissen darum beinahe ganz verloren gegangen ist: eine Tradition, die mit den Kräften der Bienen arbeitet, um deren Geheimnis in der Welt zu manifestieren.
Obwohl er sich aus dem Universitätsleben zurückgezogen hatte und schon über achtzig Jahre war, blieb er so vital und jugendlich, als wäre er nur halb so alt. Anstatt in akademischen Kreisen eine ehrenvolle Anerkennung als Wissenschaftler zu suchen, hatte er sich dafür entschieden, dem Statusdenken zu entsagen und wieder eins mit der Natur zu werden, sein Leben so zu vereinfachen, dass die natürlichen Kräfte ihn durchströmten und er sich mit der Welt der wahren Kraft verbinden konnte.
Diese Welt umgab uns überall. Bären und wilde Eber durchstreiften die Wälder.1 Dabei handelt es sich um Geschöpfe, denen die meisten nicht unbedingt gern aus der Nähe begegnen: die Zähne und Krallen dieser wilden Tiere können einen Menschen töten, falls ihr Besitzer aufgeschreckt oder provoziert wird. Mein Vater hatte mich vor diesen Tieren gewarnt – aber sie liebten den Herrn Professor.
Eines Tages, als wir draußen umherwanderten, be-obachtete ich fasziniert, wie ein dunkler Schatten sich in einen herumstöbernden Bär verwandelte. Er schaute auf und schien den Herrn Professor zu erkennen, und dann trottete er zu meiner Verblüffung schüchtern zu ihm hin, um sich auf den Rücken klopfen und den Nacken kraulen zu lassen. Als meine Vorsicht zurückkehrte, schaute mich der Herr Professor an und lächelte. «Hab keine Angst», sagte er.
Dann kam in meinem neunten Jahr der Tag, an dem ich krank wurde. Zunehmend besorgt riefen meine Eltern die besten Ärzte in der Umgebung an. Keiner vermochte meinen Zustand genau zu diagnostizieren, aber alle stimmten überein, dass ich schwer krank war. Sie teilten uns schließlich mit, dass sie überhaupt nichts tun konnten, was meinen Eltern fast das Herz brach. In ihrer Trauer und ihrem Schock begannen meine Eltern sich mit dem Gedanken an den bevorstehenden Tod ihres jüngsten Sohnes abzufinden.
So stand es, als der Herr Professor erschien, um bei seinem Freund vorbeizuschauen – um sich von ihm zu verabschieden und ihm die letzte Ehre zu erweisen, wie meine Eltern damals dachten. Während ich zwischen Bewusstlosigkeit und Bewusstsein pendelte, hatte ich das Gefühl, als würde mir eine Rettungsleine zugeworfen. Er verabschiedete sich nicht mit Worten; es war ein sanftes Lied, das mich nach Hause rief.
Wann immer ich kurz zu Bewusstsein kam, war der Herr Professor da. Er lächelte mich an und flüsterte mir etwas zu, das ich zwar nicht als Worte erkennen konnte, das jedoch meine Seele mit Wärme erfüllte und mir ein Gefühl von Sicherheit gab. Oft strich er mit einem Stück Holz sanft meinen Nacken entlang, während er in einem bestimmten Tonfall Worte sprach, die bedeutungslos zu sein schienen, sich jedoch ungemein kraftvoll anfühlten und auf der Ebene meines Körpers jenseits des rationalen Verstandes offenbar vollkommen sinnvoll waren. Ich fühlte, wie ich stärker wurde.
Und diese Augen ... Natürlich mag es auch mein Delirium gewesen sein, aber wann immer ich zum Herrn Professor aufblickte, schien ich in vielfache Augen zu schauen, herrliche Augen, Augen mit Tausenden von Linsen, die direkt in mich hineinsahen. Dann schlief ich ein.
Meine Eltern schrieben meine Heilung natürlichen Einflüssen zu, aber ich hatte so ein Gefühl, dass mich etwas anderes neu belebt hatte.
Der Herr Professor und ich verbrachten fortan mehr Zeit miteinander. Unsere Beziehung schien nun von mehr Tiefe und einer neuen Wärme erfüllt zu sein. In jeder schamanischen Kultur, die er besucht hatte, glaubten die Ältesten, dass jemand von den Geistern gerufen wird, um Schamane zu werden. Dieser Ruf ergeht in Form einer geheimnisvollen Krankheit, die den Kandidaten plötzlich befällt und ihn an den Abgrund des Todes führt. Er ist nur durch das Eingreifen eines anderen Schamanen zu retten. Der Herr Professor hatte die Symptome dieses Rufes an mir erkannt.
In einer Sprache, die mir als Kind verständlich war, begann er mich langsam und sanft in den Wegen der Kraft zu unterrichten. Zwischen unseren Waldspaziergängen und unseren Gesprächen entwickelte ich einen tiefen Respekt für das Wissen und die Fähigkeiten der Schamanen und für die Natur, die er mir als «sichtbares Antlitz des Geistes» enthüllte. Alpha und Omega seiner Lehren lagen im Bienenstock und dessen Bewohnerin, der Honigbiene, und ich begann die Grundlagen der Bienenhaltung zu erlernen. Ich beobachtete und ahmte nach, wie Herr Professor sich seinen Bienenstöcken gegenüber verhielt und was für eine Einstellung er dabei an den Tag legte. Nur selten wurde ich gestochen, wenn meine ruckartigen Bewegungen die Aufmerksamkeit der Bienen auf sich zogen. Während der Herr Professor ein bisschen Salbe auf die Stiche auftrug, pflegte er mir zu sagen: «Bienen wie auch andere Tiere reagieren auf das Verhalten jener, die um sie sind. Bewege dich langsamer.» Als ich mit den Bienen vertrauter wurde, ließ ich absichtlich Honig auf meinen Arm tropfen, um sie auf mich aufmerksam zu machen, so wie es mir gezeigt worden war. Innerhalb kürzester Zeit pflegten einige auf mir zu landen und ihre Probosci auszustrecken, ihre langen, gerillten Zungen, mit denen sie Nektar aufsaugen. Wenn der Honig weg war, erkundeten die Bienen den Rest meines Arms und bahnten sich dabei vorsichtig ihren Weg durch die Haare, die nun langsam zu wachsen anfingen, während ich mich still verhielt und fasziniert die winzigen Füße auf meiner Haut wahrnahm.
Ich wäre für immer dort geblieben, in der Kathe-drale des Waldes, hätte ewig dessen heilige Lehren und die Weisheit seines Hohepriesters, meines Freundes, des Herrn Professors, aufgenommen. Aber es sollte nicht sein. Zwei Jahre nach meiner wundersamen Heilung verließ meine Familie den Wienerwald und zog in einen anderen Teil Europas. Ich weinte, als ich zum Haus des Herrn Professors ging und mich verabschiedete. «Kleiner, du kannst ein Teil der ganzen Welt sein. Umarme sie», tröstete er mich. «Das Leben ist nichts, wovor man Angst haben muss.» Aber in seinen Augen konnte ich lesen, dass auch er sehr traurig war.
Am Tag des Abschieds gab er mir drei Geschenke. Eines war ein Stück Holz mit einer einfachen, aber sehr ausdrucksvollen Schnitzerei. Später erfuhr ich, dass es ein Phurba2 war, ein heilender Dolch, der im tibetischen Schamanismus verwendet wird, um negative spirituelle Einflüsse, die den Körper bewohnen und Krankheit verursachen, herauszuziehen und in sich aufzunehmen. Wenn, wie einmal gesagt wurde, kunstvolle Architektur gefrorene Dichtkunst ist, dann könnten schamanische Kraftgegenstände als ein Akt des Willens beschrieben werden, destilliert in Form und Zeit. Es war dieses einfache Stück Holz gewesen, das mich zurück ins Leben brachte, als alle Medikamente und Behandlungsweisen der modernen Wissenschaft mich nicht hatten retten können – dies und Herrn Professors Glauben an die Kraft des Universums, das zu meinen Gunsten eingriff, weil er es so wollte.
Ich sah den Herrn Professor nie wieder, aber es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke, und manchmal weine ich. Er war mein Freund. Natürlich verdanke ich ihm mein Leben, aber ich verdanke ihm mehr als mein Leben. Durch die Freundschaft zu ihm habe ich zum ersten Mal die Schamanenkräfte erlebt. Das hat mich dazu angetrieben, diese Tradition weiter zu erforschen, so dass ich in gewissem Sinne näher bei Herrn Professor sein kann und den Wahrheiten folge, die er mir zeigte. Wenn diese Wahrheiten eine solch bemerkenswerte, dem Tod trotzende und das Leben stärkende Wirkung auf mich hatten, wem könnten sie dann noch helfen? Vielleicht können sie ein weiteres Kind retten, das verloren und allein durch eine Welt der Dunkelheit treibt.
Die Wahrheit ist jedoch keine einfache Sache. Sie ist vielschichtig, sonderbar und – fließend – offen für Fragen, etwas Lebendiges. Und doch ist sie der Ort, von dem aus wir beginnen müssen, und am Ende ist sie alles, was bleibt.
Durch meine Studien ist mir klar geworden, dass jene Wahrheit, und ganz besonders die spirituelle Wahrheit, nur als das definiert werden kann, von dem jemand ganz ohne Worte weiß, dass es wahr ist. Die Wahrheit ist stumm und bedarf keiner Rechtfertigung. Meine Herausforderung beim Schreiben dieses Buches bestand daher darin, jene Worte zu finden, mit denen sich diese unaussprechliche Weisheit wie auch die Wahrheiten ausdrücken lassen, die in der schamanischen Tradition enthalten sind, in die ich eingeweiht wurde.
Obwohl sie in der äußeren Welt keinen Namen hat, ist die Tradition denen, die ihr angehören, als Pfad des Pollens bekannt, da Honigbiene und Bienenstock im Mittelpunkt stehen – nicht nur als Metapher, sondern auch als Quelle für ein erstaunlich umfassendes schamanisches Wissen. Dieses Buch gibt die Lehren in der Art und Weise weiter, wie sie mir übermittelt wurden, und häufig auch in dem Zusammenhang, in dem man sie an mich weitergab. Was ich hier vorstelle, ist eine Chronik besonderer Erfahrungen und Beobachtungen, so gut wie möglich von mir beschrieben – ein bewusster Akt der beschreibenden Völkerkunde.
Den Bienenschamanismus findet man, obwohl verborgen und versteckt, in vielen unterschiedlichen Teilen der Welt – in Nord- und Südamerika, Australien, Afrika und anderswo. Der Pfad des Pollens gehört zum reichen Gesamtbild des europäischen Schamanismus, aber aus historischen Gründen, zu denen Missionierung und Verfolgung zählen, ist kaum etwas darüber aufgeschrieben worden. Es dürfte den einen oder anderen überraschen, dass eine uralte, doch hochentwickelte und in ihrer Gesamtheit erhalten gebliebene schamanische Tradition bis ins 21. Jahrhundert überlebt hat, ohne dass Kirche oder Staat, oder wenn wir schon dabei sind, die Anthropologie, davon Notiz genommen hätte. Aber meine Vorgänger, Kollegen oder Gefährten brauchten für ihr Werk weder Stift und Papier, noch waren sie überhaupt je dazu geneigt, die Feder in die Hand zu nehmen, um eine Beschreibung ihrer Arbeit und ihrer Welt abzugeben.
Im Gegensatz dazu gibt es eine Fülle an Literatur über andere schamanische Traditionen, über die zahlreiche Werke leicht erhältlich sind.3 Das Thema ist derart umfangreich, dass es unklug von mir wäre, auf wenigen Seiten eine kurze Zusammenfassung geben zu wollen. In diesem Buch geht es um eine spezielle Ausprägung des Schamanismus, wie ihn die uralten Völker auf den Britischen Inseln und in Europa hervorbrachten. Es handelt sich um eine wenig bekannte Form des keltischen4 Schamanismus, der seinen besonderen Ausdruck den Menschen jener Länder, ihrer Persönlichkeit, ihrer Kultur, den Landschaften und der Geographie ihrer Heimat verdankt.
Wo ein kraftvolles, geheimes Wissen von einem Menschen zum nächsten weitergereicht wird, ist die mündliche Tradition gewöhnlich der sicherste Weg, um dieses Wissen vor jenen zu schützen, die sich selbst und andere in Gefahr brächten, wenn sie es ohne jenen Schutz anwenden würden, über den nur jemand verfügt, der in die Tradition voll initiiert wurde. Dieses Buch ist daher nicht noch ein Wälzer mehr von jener Sorte, in der erforscht und gefeiert wird, was jene Kelten (Celts), die wir aus den Geschichtsbüchern kennen, getan haben mögen oder auch nicht, indem man sich auf eine Zeit bezieht, als die Welt noch ganz anders aussah. Es nutzt modernen Suchenden wenig, sich auf die vorvorgestrigen Nebel von Avalon zu berufen, und sei es nur aus dem einfachen Grund, dass wir nicht mehr in jenen Zeiten leben. Wenn ich also den Begriff «keltisch» (keltic) verwende, nutze ich es als lyrische Abstraktion, die sich auf eine Haltung und eine Stimmung, auf einen Geist und eine poetische Sensibilität bezieht. Wir können nicht alle Kelten (Celts) sein – denn jeder von uns hat seine eigenen vielfältigen ererbten Wurzeln –, aber alle können wir, falls wir es wünschen, aus der tiefen Quelle, aus Keltia, schöpfen.
Der Lehrer, der mich einweihte – dem ich als Erwachsener begegnete und den wir später in diesem Buch kennenlernen werden –, glaubte fest an ein Prinzip, das er «spirituelle Osmose» nannte. Dieses Prinzip besagt, dass uns allein schon die Nähe zum Heiligen mit Antworten versieht. Es gibt keine festen Regeln, oder anders ausgedrückt: die Regeln und Wahrheiten, die Sie finden werden, sind Ihre persönlichen Antworten. Wahrheit muss immer auf den einzelnen Menschen zugeschnitten sein, und Sie beziehen sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und aus Ihrer Interpretation dieser Erfahrung. Indem Sie dieses Buch lesen, werden Sie näher zu dem Geheimnis hingezogen, das der Pfad des Pollens ist, und daraus wird Ihnen Verständnis erwachsen. Ich freue mich, dass es mir möglich ist, dieses kraftvolle, verborgene Wissen zugänglich zu machen. Darüber zu lesen reicht schon, die spirituelle Osmose wird ihre angemessene Wirkung entfalten.
Vor allem ist dies ein Buch über das Wissen, über die Vorstellungswelt und die Erfahrungen, die zu einem Tor in einen Bereich meiner persönlichen spirituellen Wahrheit geworden sind. Ich hoffe, dass auch Sie sich dazu inspirieren lassen, die Schwelle zu überschreiten. Ich hoffe, dass Sie sich in das aufregende Abenteuer aufmachen, das die Heldenreise nun einmal ist, und dass Sie dabei eine Wahrheit entdecken, die Sie stärkt in diesen Zeiten spiritueller Ungewissheit, die immer auch mit günstigen Gelegenheiten einhergehen.
