Weisheit für Minimalisten
Peter Steiner
Nach seinem zauberhaften kleinen Bildband Vom Glück der Stille nimmt uns Peter Steiner mit auf eine Besinnungs- und Entdeckungsreise zu dem, was im Leben wahrhaft zählt. Seine Fotografien und kurzen Texte kreisen um das Streben nach Wahrheit und Glück. Dort, wo wir es zu finden hoffen, treffen wir meist auf nichts als kurzfristige Einsichten und Genüsse. Daneben oder dahinter schlummert die Schönheit des Offensichtlichen. Dem Schweizer Fotografen und Essayisten gelingt es, dieses Offensichtliche zur Sprache zu bringen und ins Bild zu setzen. Mit der Verführungskraft des Minimalisten: «Weisheit bedeutet zu wissen, was man zum Glück nicht mehr braucht».
Gebunden, 184 Seiten, 38 Fotos, € 19.50, Fr. 32.–, ISBN 978-3905752-14-4
Buchauszug
WEISHEIT UND MINIMALISMUS
Passt das überhaupt zusammen? Ganz wunderbar, finde ich. Obwohl Minimalisten in unseren Breitengraden nicht gerade den besten Ruf haben. Aus unerfindlichen Gründen gilt bei uns Anstrengung immer als etwas Positives und Nichtanstrengung wird immer mit Faulheit in Zusammenhang gebracht. Dennoch denke ich, dass ein Minimalist näher an der Weisheit ist als die meisten.
Denn die Verbindung von Weisheit und Minimalismus liegt im Erkennen des Wesentlichen. Ich würde also sagen: Der Weg zur Weisheit führt durch das heitere Land des Minimalismus.
Erst wenn man auf diese Art zum Wesentlichen gefunden hat, kann sich einem Weisheit eröffnen.
Ein Minimalist versucht, einfach alles wegzulassen, was dieser Entwicklung im Wege stehen könnte.
LETZTE ERKENNTNISSE
Ich habe einmal von einem Forschungsbericht gehört, bei dem man Menschen kurz vor ihrem Tod befragte, welches die Momente in ihrem Leben seien, die ihnen noch als besonders glückliche in Erinnerung waren. Erstaunlicherweise waren es meist einfache, wenig dramatische Momente des Lebens oder Augenblicke tiefer Verbundenheit mit andern Menschen, die zum Schluss zählten. Es waren nicht die finanziellen Erfolge und die Macht, die man in seinem Leben erreicht hatte, es waren kleine Momente des Glücks, die rückblickend am bedeutsamsten waren: die ehrliche Zuneigung eines Menschen, dem man sich gleichermaßen zugetan fühlte, ein besonders ergreifender Moment in der Natur, die Unbekümmertheit des Enkelkindes, ein Sonnenstrahl durch dunkle Wolken, ein überraschender Wolkenbruch in den Bergen, vor dem man sich unter ein Dach rettete, wo man die Zeit nutzte, um sich aus dem Leben zu erzählen …
WEISHEIT BEDEUTET zu wissen, was man zum Glück nicht mehr braucht.
WENIG IST EINFACH, VIEL IST SCHWIERIG
Warum hat es das Einfache so schwer?
Das liegt vermutlich daran, dass wir uns durch den schönen Schein des Komplizierten, Aufgesetzten, Schwadronierenden leicht beeindrucken lassen. Das Einfache hingegen braucht etwas Inneres, etwas Wirkliches, um uns zu faszinieren. Deshalb muss heute so vieles so kompliziert daherkommen: die innere Qualität würde nicht mehr ausreichen, um uns zu überzeugen.
Wenn etwas aufgebläht und mit grossen Worten daherkommt, könnte es sein, dass dieses Etwas eigentlich gar nicht schwierig ist, sondern nur kompliziert scheinen muss, damit man nicht merkt, wie wenig es eigentlich in sich trägt?
EIN HAUCH VON POETISCHEM MINIMALISMUS
Wenn wir immer mehr in Harmonie mit der Wahrheit der Dinge kommen, entfaltet sich vor uns eine Welt unendlicher Schönheit und Fülle, die immer schon da war und niemals vergehen wird. Wir erkennen, dass das, was wir sonst so wichtig nehmen, nur das flüchtige Auftauchen einer kleinen Welle in einem endlosen Meer der Möglichkeiten ist.
DAS EIGENTLICHE Erfolgsrezept des Minimalisten ist, dass er umso mehr findet, je weniger er tut.
SCHÖNHEIT
Es gibt eine vollkommene Ordnung, die sich unter anderem dadurch ausdrückt, wie sich ein Grashalm im Wind bewegt.
Wenn wir dies wahrnehmen können, wird es uns möglich, eine ganz elementare Schönheit zu empfinden. Eine Schönheit, in der zugleich auch etwas Ewiges liegt. Es handelt sich nicht um eine flüchtige Schönheit, wie wir sie dann und wann vielleicht selbst erschaffen, sondern um eine Form von Qualität, die mit dem absolut Essenziellen des Lebens zu tun hat. Wenn wir dafür ein Empfinden entwickeln, werden wir irgendwann auch die Wahrheit über uns selbst entdecken.
DER MOMENT
Wir dürfen nie vergessen, dass der Moment das Einzige ist, was wir wirklich haben. Das Davor ist vorbei, das Danach ist ungewiss. Wir wissen nicht einmal, ob wir das Weitere noch erleben werden. Alles ist offen. Aber dieser Moment ist, wie er ist. Wir können uns ihm voll zuwenden.
Ich glaube, das ist es auch, was ich an der Fotografie so schätze. Es geschieht in exakt diesem Moment. Es ist das, was gerade jetzt genau so zusammenkommt. Dieser Ausschnitt der Welt findet genau in diesem Moment so statt: Licht, Objekt, Stimmung …, es wird nie mehr genau so sein wie jetzt.
Ich denke, wenn wir diesen Moment wirklich verstehen, verstehen wir auch, was danach aus ihm wird. Was geschieht, ist kein Zufall, sondern eine Folgerung des Jetzigen. Wenn wir das verstehen, entwickeln wir ein Empfinden für das, was daraus folgt. Aber das können wir nicht erkennen, wenn wir jetzt schon in die Zukunft blicken und uns Dinge von ihr erhoffen.
Es geschieht in diesem Moment. Alles geschieht in diesem Moment. Milliarden von Dingen geschehen in diesem Moment, und daraus ergibt sich das Weitere.
Deshalb arrangiere ich beispielsweise beim Fotografieren auch nichts. Auch das Licht ist immer vollkommen natürlich. Alles ist sehr schlicht und einfach. Würde ich etwas künstlich fabrizieren, käme meine Voreingenommenheit ins Spiel – und damit würde ich zu einer Art Konstrukteur. Aber ein Konstrukteur folgt einer Gebrauchsanweisung und damit wird der Vorgang unweigerlich mechanisch. Ich versuche nur zu sehen. Den Augenblick zu erfassen, in dem sich für mich etwas uneingeschränkt Gültiges andeutet. In dem etwas tief Harmonisches hinter dem Offensichtlichen geschieht.
Ich glaube, dass uns so ein Moment alles zeigen kann.
WENN SIE BEGINNEN, langsamer zu werden, werden Sie merken, wie sehr Sie gewohnt sind, Ihre Unsicherheit mit Geschwindigkeit zu überspielen.
