Gott ist Atheist
N. Nosirrah
Wie bitte? Der Autor traut den eigenen Ohren nicht: Eben hat er mit dem Wagen einen Passanten angefahren; nun sitzt er dem Fremden gegenüber, und dieser erklärt ihm, Gott höchstpersönlich zu sein. Und nicht nur das: Gott glaubt nicht an sich selber, mit Religion kann er nichts anfangen, allen Gläubigen geht er tunlichst aus dem Weg.
So beginnt eine tollkühne Exkursion durch die religiös-spirituelle Szene. Der Papst der Katholiken bekommt dabei sein Fett ab wie der Papst der Atheisten. Aber auch Buddha, Oprah Winfrey, Ramana Maharshi, Neale Donald Walsch und andere Lieblinge der Götter werden nicht verschont. Ein mystischer Befreiungsschlag ohne Rücksicht auf Verluste, dafür aber mit himmlischem Vergnügen!
Aus dem Amerikanischen von Stephan Schuhmacher
Gebunden, 165 Seiten, S/W-Zeichnungen, € 18.–, Fr. 28.–, ISBN 978-3905752-15-1
Buchauszug
Gott und ich waren inzwischen auf einer der Hauptgeschäftsstraßen der Stadt angelangt: Läden, Restaurants und Bars voll bunten Treibens. Ich hatte einen Blick auf das Transzendente erhascht, doch nun fand ich mich in die Welt des Mammons gestoßen. Gott schien der kommerzielle Rummel nicht im Geringsten zu stören. Straßenkünstler jonglierten auf Einrädern, hier und dort standen abgerissene Gestalten neben einem offenen Instrumentenkasten und schrummten auf einer Gitarre, und Scientologen boten an, die Seele zahlungswilliger Passanten zu retten. Ein Penner haute Gott um etwas Kleingeld an und wurde von diesem nicht enttäuscht.
Doch während wir weitergingen, gab Gott seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass die Bettler nicht nach etwas Handfesterem verlangten. Offenbar kam nie einer auf die Idee, größere Summen zu verlangen; man sah kein Schild, auf dem stand: «Nehme Arbeit an – für eine Million» oder «Haste mal 'nen Tausender?». Ich sah allerdings einen Typen mit einem Schild auf dem stand: «Meine Arme sind müde vom Halten dieses Schildes.» Doch das Prinzip ist überall das gleiche: Wir bitten um ein paar Münzen, um eine «bescheidene» Gabe, die gewöhnlich abgelehnt und manchmal schuldbewusst gewährt wird. Wir definieren unsere Armut durch unseren Gemütszustand. Diesen Gemütszustand zu halten, verlangt viel Energie. Auf meinem Schild könnte stehen: «Mein Kopf ist müde vom Halten dieses Gedankens.»
Mein Kopf ist müde vom Halten dieses Gedankens.
Und zugleich halten wir alle ständig nach Schildern Ausschau. Nicht bloß nach solchen aus Pappe mit gekritzelten Wörtern drauf wie bei dem Burschen, der «Kostenlose Umarmungen» anbietet. Wir suchen nach Schildern, die uns sagen, dass Gott uns liebt, dass das Leben schön ist, dass wir beschützt sind, dass das, was wir tun, das Richtige ist. Ich habe das auch einmal ausprobiert und hielt geflissentlich Ausschau nach Omen. Ich konzentrierte mich auf Einzelheiten meiner Umgebung und war bereit, sofort in totaler Hingabe auf jedmögliche Botschaft zu reagieren. Dummerweise war das erste Schild, auf das mein Blick fiel, rot und achteckig, und darauf stand: «Stop». Also tat ich genau das.
Doch all jenen unter uns, die immer noch nach Zeichen Ausschau halten, stellt sich die Frage: Soll ich mich nach diesen Zeichen richten, oder folge ich nur jenen Schildern, auf denen das steht, was meiner Meinung nach auf einem Schild stehen sollte? Ich fragte Gott nach Zeichen und Schildern, und er sagte mir, er gehe nicht auf diese Weise vor. Er habe es einmal ausprobiert und sich mit einem Schild «Ich bin Gott. Irgendwelche Fragen?» mitten auf den Times Square gestellt. Er sei daraufhin aber bloß von einem Kerl mit einem Schild: «Christus ist die Antwort» beschimpft und ansonsten ignoriert worden. Er vertraute mir an, der brennende Dornbusch sei nur durch Zufall von einem Blitzschlag entzündet worden, und wenn er den Menschen etwas mitzuteilen habe, würde er das auf etwas offensichtlichere Weise tun. Er spare zurzeit für einen 30-Sekunden-Werbespot während des Endspiels der nächsten Fußballweltmeisterschaft.
