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J. Ruth Gendler
 

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  Edition SPUREN Buch-Auszug
 
Das Buch der Lebensgeister
J. Ruth Gendler
Fantasie, Mitleid, Sinnlichkeit, Mut, Schuld, Trauer – viele seelische Qualitäten wirken in uns. Und es sind noch viel mehr. J. Ruth Gendler nennt sie beim Namen und verleiht ihnen ein Gesicht: «Die Panik hat dichtes, lockiges Haar und große erschrockene Augen. Sie hat an zu vielen Plänen gearbeitet, bei denen sie die Termine anderer Leute einhalten musste …» «Die Laune schert sich nicht darum, unverschämt zu sein, doch im Grunde ist sie schüchtern …»
Kurze Texte und federleichte Zeichnungen führen vor Augen, was in uns wirkt, und mit wem wir es bei anderen Menschen zu tun haben. «Darf ich vorstellen?» 75 Lebensgeister warten darauf, Ihre Bekanntschaft zu machen.
Gebunden, 121 Seiten, Fr. 28.–, ISBN 978-3-90575219-9


Buchauszug

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Die Fantasie

Wenn die Fantasie spazieren geht, schreibt sie Briefe an die Erde. Wenn sie läuft, zeichnen ihre Füße Postkarten an die Sonne. Und wenn sie tanzt, ja, wenn sie tanzt, schickt sie Liebesbriefe an die Sterne.
Manche Menschen halten der Fantasie vor, sie sei eine Lügnerin. Sie verstehen nicht, dass die Fantasie ihre eigene, ganz besondere Art hat, die Wahrheit zu enthüllen. Sie hat früher Journalismus studiert. Das gab ihr den Freibrief, früh von der Schule zu gehen und interessante Leute zu treffen, um mit ihnen Interviews zu führen. Sie war überraschend gut im Verfassen von Artikeln. Wenn etwas nicht klar war, erfand sie einfach etwas. Vor kurzem betätigte sich die Fantasie als Wahrsagerin im Zirkus. Sie versteht sich darauf, dir die Zukunft derart klar vorherzusagen, dass du ihr glaubst, und dann werden deine Träume wahr.
Die Fantasie studiert jetzt Fotografie und will Filme machen. Allerdings hat sie nicht die Absicht, in einer jener Fabriken zu arbeiten, aus denen Bilder kommen, die uns in den Schlaf singen. Ihre Vision ist umfassender und daher doch sehr einfach. Selbst mit den alten Geschichten will sie uns zeigen, was wir nie zuvor gesehen haben.

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Die Ambivalenz

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem die Ambivalenz und ich beisammensaßen, um auf der Veranda ein schönes Abendessen zu genie-ßen. Das Telefon klingelte, und sie sprang auf, um abzuheben. Als sie zurückkam und sich wieder zu mir an den Tisch setzen wollte, war die Suppe kalt, und in Gedanken war sie damit beschäftigt, Einzelheiten des Gesprächs am Te-lefon zu verarbeiten. Es war sinnlos, sie anzu-sprechen. Die einzige Weise, auf die ich ihre Aufmerksamkeit gewinnen konnte, war die, eine Szene zu machen. Bevor es mir so recht klar wurde, befanden wir uns wieder einmal in ei-nem Machtkampf, und meine Wut gereichte ihr zum Vorteil. Sie meinte, mein Problem sei, dass ich Beständigkeit brauchte, und dem fügte sie hinzu, die Suppe schmecke doch ohnehin am besten, wenn sie lauwarm sei.
Wie du weißt, ging die Beziehung jahrelang so weiter. Sowie ich es unternahm, mein Leben ohne sie zu organisieren, erreichten mich die schönsten Liebesbriefe. Wenn ich begann, un-sere Wochenenden auf dem Land zu lieben, ver-ging ihr die Lust daran. Ich brauchte lange, um herauszubekommen, dass Unentschlossenheit für sie eine Form von Spannung darstellt. Die-ses Spiel des Jein ist es wohl, was sie faszi-niert. Mich hat es erschöpft, und ich erkenne, dass es mir allmählich auf den Magen schlägt und mir Verdauungsstörungen bereitet.

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Die Sinnlichkeit

Die Sinnlichkeit trägt keine Uhr, doch wenn es darauf ankommt, ist sie stets pünktlich zur Stelle. Sie ist auf Abenteuer aus und nicht be-sonders ruhig gestimmt. In der Grundschule wurde sie getadelt, weil sie es nicht fer-tigbrachte, still zu sitzen. Sie braucht Bewe-gung, denn sie denkt mit dem Körper. Selbst in der Bücherei, die sie besucht, um Werke von Emily Dickinson oder Emily Bronte zu lesen, liest sie laut und wiegt sich zu den Worten, und noch bevor ihr klar wird, wie ihr geschieht, wird sie aufgefordert, die Bücherei zu verlas-sen. Wie sich leicht denken lässt, ist sie für Arbeiten im Büro gänzlich ungeeignet.
Die Sinnlichkeit hat eine wunderbare Haut, und sie schätzt das auch an anderen. Es gibt viele Menschen mit reiner, weicher und gesunder Haut, aber bei der Sinnlichkeit ist es so, dass ihre Haut Leben verströmt. Wenn im Mai die Sonne hervorbricht, zieht die Sinnlichkeit gerne ihre Bluse aus und spürt, wie die Wärme der Sonnenstrahlen ihr angenehm über die Schultern streicht. Damit will sie keineswegs provozieren, aber wie üblich regen sich andere Leute über ihre Freizügigkeit auf. Die Sinn-lichkeit versteht nicht, warum sich andere ü-ber sie derart aufregen. Als junges Mädchen wurde sie oft ausgeschimpft, weil sie barfuß ging.
Die Sinnlichkeit macht gerne Liebe an jener Grenze, wo Zeit und Raum tanzen. Wenn sie ein Auge auf einen potenziellen Liebhaber wirft, fährt sie mit ihm zum Meer und beobachtet ihn. Tanzt er mit den Wellen? Erzählt er ihr von damals, als er 17 war und am Strand schlief und mitten in der Nacht aufwachte, um den Mond zu betrachten? Lacht er, weint er, sieht er, wie weit der Himmel ist?
Eben ist es Frühling geworden, und das ist die Zeit, in der die Sinnlichkeit bis über beide Oh-ren verliebt ist. Ihr neuer Freund ist sehr süß. Er gestand ihr, dass er beim ersten Mal ein bisschen Angst davor hatte, mit ihr ins Bett zu gehen. Die Sinnlichkeit lachte nur und sagte: Aber wir haben doch tagelang Liebe gemacht.


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