Der Impuls zur Freiheit
Alan Clements
Rund zehn Jahren verbrachte er als Mönch in Birma und schulte sich in der Einsichts-Meditation (Vipassana). Alan Clements ist der erste Amerikaner, dem das birmanische Regime einen langen Kloster-Aufenthalt erlaubte. Er lernte bei den bedeutendsten Meditationslehrern des Landes: Mahasi Sayadaw und Sayadaw U Pandita leiteten ihn geduldig dazu an, die Tiefen seiner Existenz auszuloten. Alan Clements befreundete sich in Birma auch mit Aung San Suu Kyi. Mit der Friedensnobelpreisträgerin von 1991 führte er eine Reihe von Gesprächen.
Der Meditationslehrer, Künstler und Friedensaktivist misst die inneren Erfahrungen an der Notwendigkeit eines politischen Engagements für Freiheit und Würde. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Ein glänzend geschriebenes leidenschaftliches Plädoyer für eine ganzheitliche Spiritualität, für ein Leben, das nichts ausschließt und auch unbequeme Wahrheiten zum Ausdruck bringt.
Aus dem amerikanischen Englisch von Oliver Fehn.
Gebunden, 340 Seiten, Fr. 32.–, ISBN 978-3-90575220-5
Buchauszug
EINFÜHRUNG
Mit etwas Glück haben wir hin und wieder eine entscheidende Begegnung – ein Erlebnis, das den Verlauf unseres Lebens für immer verändert. Dann schlagen wir alle Logik, alle Bequemlichkeit in den Wind, begeben uns auf eine neue, kraftvollere Flugbahn und lassen unsere Leidenschaft und unsere Visionen auf die Welt los. Solche Momente sind wunderbar und herrlich, geheimnisvoll und quälend. Sie verformen uns, verbiegen uns – pressen jede Spur von Maskerade, Kompromiss und unechtem Verhalten aus uns heraus. Manche bezeichnen das als Magie. Andere nennen es Synchronizität. Noch andere mögen es sogar als Wahnsinn bezeichnen. Es vereint alle genannten Komponenten in sich und noch mehr. Ich bezeichne all diese Momente pauschal als das Dharma-Leben – als die Reaktion auf unseren Impuls zur Freiheit, den natürlichen Drang des Herzens, sich selbst zu erkennen und nach seiner Befreiung von allen Hindernissen zu streben, seien sie nun realer oder imaginärer Art. Diese Revolution der Seele macht es erforderlich, dass man seine wahre Berufung nicht weiterhin verleugnet. Sie macht es erforderlich, dass man seine höhere Liebe findet, die einem dann hilft, über alles hinauszuwachsen, was einen zurückhält.
Doch dieses Erwachen verlangt etwas von uns. Wir müssen einen Preis dafür bezahlen: Wir müssen uns verlieben. Befreiung als unseren Lebenszweck zu begreifen, ist für uns die größte aller Herausforderungen. Es bedeutet, aus dem Schrecklichen etwas Schönes zu machen und jedes tiefe Leid zu küssen, als wäre es die Göttlichkeit selbst. Mutter Teresa ermuntert uns: «Liebe, die echt ist, muss etwas kosten. Sie muss weh tun. Sie muss uns von unserem Selbst befreien.»
Eine meiner frühesten Begegnungen mit dieser Art von Liebe hatte ich während meiner ersten Reise in den vom Krieg erschütterten Dschungel Nordbirmas. Es war ein Moment, der mein Herz berührte und mich dazu inspirierte, nach einem neuen, höheren Verständnis von Freiheit zu streben – uneingeschränkt von Dogma, Aberglauben oder Religion.
Eines Abends sprach ich mit einer imponierenden 29-jährigen birmanischen Frau, einer Hochschulabsolventin, die nach den prodemokratischen Aufständen von 1988 von zu Hause geflüchtet war. Während wir, eine brennende Kerze zwischen uns, unter dem Nachthimmel saßen, diskutierten wir über das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Was kann Gewaltlosigkeit gegen ein totalitäres Regime ausrichten, das unbewaffnete Zivilisten foltert und tötet? Ab welchem Punkt ist Selbstverteidigung unerlässlich, und sei es nur, um zu überleben?
Nicht weit entfernt von uns hörten wir leise Gitarrenmusik und die Stimmen von Studenten, die wie jeden Abend Liebeslieder sangen. Sie versammelten sich in Gruppen und zogen mit ihren Gitarren los, um vor den Hütten ihrer ruhenden Kommilitonen Halt zu machen. Während wir der Musik lauschten, fragte ich meine Begleiterin ganz spontan, ob sie je verliebt gewesen sei. Sie schwieg eine Weile und sah mich unverwandt an. Ihre dunkelbraunen Augen funkelten im Schein des Feuers. «Ja, ich war verliebt», antwortete sie. «Vor zweieinhalb Jahren wollten mein Verlobter und ich eigentlich heiraten. Wir liebten uns von ganzem Herzen. Wir kannten uns schon seit unserer Kindheit. Doch die Demonstrationen von 1988 begannen gerade mal zwei Wochen vor unserer Hoch-zeit. Es war ein unfassbarer Augenblick. Wir sehnten uns so verzweifelt nach Freiheit und Demokratie. Die Zeit war gekommen, da wir glaubten, es wäre mög-lich, uns vom Stiefel der militärischen Unterdrückung zu befreien, der auf uns herumtrampelte, seit wir Kinder waren.
Zunächst gingen wir beide hinaus und marschierten. Am nächsten Tag stießen meine Schwester und meine Brüder zu uns. Einen Tag später folgten meine Mutter und mein Vater, dann meine Tanten und Onkel, bis meine ganze Familie auf der Straße war. Plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchten die Soldaten auf. Sie gruppierten sich in drei langen Reihen und richteten ihre Automatikwaffen und Bajonette auf uns.
Wir jedoch, viele Tausende von uns, knieten vor den Soldaten nieder. Wir sangen .
Aber sie hatten einen Schießbefehl, und den befolgten sie. Zahlreiche Studenten, einige Freunde, und einige Mitglieder meiner Familie wurden an Ort und Stelle erschossen. Wir hätten nie geglaubt, dass unsere eigenen Leute uns töten würden. Ich konnte kaum glauben, was da geschah. Ich war entsetzt. Überall um uns Blut und Schreie. Das Knallen der Schüsse hallte durch die Straßen, als die Leute in Panik gerieten und Schutz suchten. Sie fielen zu Boden – einer meiner jungen Freunde starb in meinen Armen. Ich suchte nach meiner Familie. Sie waren alle verschwunden. Mein Verlobter und ich begannen zu rennen.
Und wir rannten zwei Wochen lang, immer tiefer in den Dschungel hinein. Mein Verlobter und ich waren noch immer beieinander, zusammen mit einem Dutzend weiterer Studenten, und es gelang uns auf wundersame Weise, den Soldaten zu entkommen. Manchmal mussten wir uns in Laub einbuddeln, an Flussufern festklammern, oder regungslos hinter Bäumen stehen, während die Soldaten vorbeizogen.
Wir fühlten uns wie Tiere, die man jagte, und schliefen hin und wieder auf dem Waldboden. Es war kalt und unerträglich schmerzhaft. Ständig wurden wir von Ameisen und Moskitos gebissen. Trotzdem gelang es uns, am Leben zu bleiben.
Nachdem wir zwei Wochen lang gerannt und nun fast völlig entkräftet waren, steckten wir uns alle mit Malaria an. Wir waren extrem schwach, wir hatten Fieber, und uns war schlecht. In jener Nacht überraschten uns die Soldaten aus dem Hinterhalt. Es hätte eigentlich unser Hochzeitstag sein sollen – stattdessen verloren mein Verlobter und ich uns während des Feuergefechts.
Seit jener Nacht habe ich ihn nie wieder gesehen oder von ihm gehört. Ich weiß nicht, ob er noch lebt oder nicht. Ich traue mich nicht, Kontakt zu seiner oder meiner Familie aufzunehmen, denn sie kämen in große Gefahr, wenn das Regime davon erfahren würde.»
Wir saßen reglos da. Die Kerze flackerte unter ei-nem flüchtigen Windstoß, und die Zeit schien stillzustehen. «Ich denke immer noch an ihn», sagte sie. «Manchmal vermisse ich ihn. Doch in den letzten Jahren hier im Dschungel, während ich unter der Tyrannei lebe, haben sich meine Wertvorstellungen verändert. Ich bin verliebt in die Freiheit. Und selbst wenn man mich erwischt und zu Tode foltert, sage ich mir: Falls es dazu beiträgt, die Freiheit in meinem Land und die Freiheit auf der Welt wiederherzustellen, werde ich in Liebe sterben.»
«Ja, ich war verliebt», sagte sie leise. «Und ich werde es auch bleiben.»
Wir starrten uns für ein paar lange Minuten an. Sie brach das Schweigen und sagte: «Die Freiheit ist eine Wahl, die man trifft. Oder nicht? Genau wie die Liebe.»
Um unserer wahren Aufgabe als Menschen gerecht zu werden, ist es notwendig, sich der Erfüllung eines Traumes zu verschreiben. Dabei müssen wir zwangsläufig auf gewohnte Bequemlichkeiten und private Interessen verzichten und werden auf eine stürmische Schnellstraße der Existenz gestoßen, die nur wenige freiwillig zu befahren wagen. Das Dharma-Leben – der Weg zur Freiheit – wird nicht nur die Verträge annullieren, die wir mit der Bedingtheit geschlossen haben, indem es aufdeckt, wie wir klammern und festhalten und zaudern; es wird sich auch dem gesamten Mechanismus des Vermeidens entgegenstellen – jeder Angst, jeder Mittäterschaft, jeder Nuance der Selbsttäuschung. Indem wir uns von der Schwerkraft einer von Angst getriebenen Gegenwart losbrechen, verleihen wir unserem Mut immer wieder neue Flügel, bis wir wirklich verstehen, dass unsere Würde unter unseren Werten der größte ist und dass unsere instinktive Intelligenz die natürliche Weisheit ist, die uns an die Hand nehmen wird, Befreiung durch das Leben zu finden. Das, worüber ich spreche, sollte nicht verwechselt werden mit Transzendenz oder dem Versuch, dem eigenen Selbst oder der Welt zu entfliehen. Die von mir beschriebene Art des Daseins hat mit einer das Leben verleugnenden Haltung nichts zu tun. Auch liegt es mir fern, eine Rückkehr zur «ursprünglichen Lebensweise» als einzig wahren Weg zur Überwindung des menschlichen Leidens zu propagieren. Diese Freiheit ist nicht von Angst getrieben, sondern Leben spendend – sie umfasst das Fleisch, das gewöhnliche Selbst, das Heilige und Weltliche als eine Einheit. Es geht darum, das Leben zu unserer Kunst zu machen.
Das Dharma-Leben entspringt der Erkenntnis, dass wir alle miteinander verbunden sind: Wir können ohne einander nicht leben. Das bedeutet, mehr zu empfinden als nur unsere eigenen Interessen oder die unserer Familie. Die Tatsache, dass wir uns als Völker und Nationen definieren, ist zu einem großen Teil die Ursache dafür, dass wir uns am Rande der Selbstauslöschung bewegen. Wir müssen die unserer Natur innewohnende Untrennbarkeit wirklich begreifen. Je mehr uns das gelingt, umso mehr werden wir die Freuden und Sorgen anderer als unsere eigenen empfinden.
Nur nach der eigenen Befreiung zu streben heißt, veraltet zu denken. In der Anfangsszene des Films «Tiger & Dragon» verdeutlicht der Protagonist dies auf wunderschöne Weise. Die Frau, die ihn heimlich liebt, fragt ihn, weshalb er der Einsamkeit des Klosters entsagt und sich zurück in die Welt begeben habe. In langsamem, bedächtigem Tonfall sagt er: «Meine Erleuchtung war mit keinerlei Glückseligkeit verbunden. Sie fühlte sich eher an wie Verzweiflung, nur noch schlimmer. Es war ein so gewaltiger Kummer, dass ich damit nicht fertig wurde. Ich konnte nicht weitermachen. Der Kummer sagte zu mir ... kehre zurück in die Realität.»
Wenn wir uns dem Dharma-Leben widmen und auf unseren Impuls zur Freiheit reagieren, erleuchtet dies die Realität und nicht nur unsere Betrachtungsweise von ihr. Da alles Unechte offengelegt wird, müssen wir uns fortwährend neu an der Wahrheit orientieren. Von intuitiver Intelligenz geleitet zu werden – ein Begriff, der sich einer angemessenen Erklärung oft entzieht – bedeutet in der Regel, sich zwischen die Kiefer einer rauen, ungestümen Existenz zu wagen.
Dharma-Leben heißt täglich neu zu erwachen, um das Große Geheimnis zu erforschen und zu erfassen. Während wir unser Leben zu einem gewaltigen Abenteuer machen, stecken wir unsere eigenen Pfade ab, selbst wenn dies für uns bedeutet, sich gesellschaftlichen Normen zu widersetzen oder Tabus zu brechen, die unsere Antriebskräfte zu unterdrücken und zu kontrollieren versuchen.
Diese Revolution lässt sich nicht einfach nur in einem Meditationszentrum, in einer Großstadtstraße, einem Wohnzimmer oder einem Kloster gewinnen oder verlieren. Sie wird sich an der Front des menschlichen Herzens abspielen – in jener stürmischen Region, wo Gut und Böse, Genie und Wahnsinn, Krieg und Frieden um die Herrschaft über Gewissen, Freiheit und Liebe kämpfen. Wenn Kompromisse, Zweifel oder Zaghaftigkeit ihren Reiz verloren haben, werden Sie – und davon bin ich überzeugt – unweigerlich einen Blick auf das heilige Unerwartete erhaschen. Sie werden anfangen, Ihren Impuls zur Freiheit zu spüren – das, was Sie wirklich lieben –, und alles andere hinter sich lassen.
In diesem Buch steht, wie es sich bei mir zutrug.
