Blätter vom Teeweg
Menglin Chou
Über Tee wissen im Westen nur wenige Menschen Bescheid. Doch das Angebot an guten Grüntees, Weiss-, Schwarz- und Brauntees ist im Verlaufe der Jahre bei uns stetig grösser geworden. Mit dem Angebot wächst das Bedürfnis nach Information. Menglin Chou ist in Taiwan aufgewachsen und hat eine gründliche Schulung durchlaufen beim chinesischen Teemeister Atong Cheng. Über Sehen, Schmecken und Riechen erschließt sich auf dem Teeweg eine altehrwürdige Kultur der geistigen Entwicklung und der raffinierten Genüsse.
«Guter Tee spricht für sich selber», lautet ein Grundsatz von Menglin Chou. Statt über Wassertemperatur, Ziehdauer und Sorten zu dozieren, lässt sich die Zürcher Teehändlerin vom Geist des Tees anregen zu Meditationen über Schönheit, Herkunft und Familie, Eleganz, Menschlichkeit und Originalität. Das eine ist in ihren Betrachtungen vom anderen nicht zu trennen.
Gebunden, 192 Seiten, Euro 18.–, Fr. 28.–, ISBN 978-3-905752-22-9, erscheint im November 2010
Buchauszug
Fremdsprachen
Ich dachte, ich hätte ein Talent für Fremdsprachen. Meine Mutter fühlte sich immer gestört, weil ich mich als kleines Mädchen gerne mit sympathischen Fremden unterhielt. Sie warnte mich vor der Gefahr, die damit einherging. Mich interessiert das Fremde. Ich höre gerne zu, und ich spreche gerne mit Fremden. Als ich nach Deutsch aufhörte, eine weitere Fremdsprache zu lernen, klagte mein Vater darüber, eine Fehlinvestition getätigt zu haben. Irgendwie habe ich meine Leidenschaft verloren. Beim Lernen von Deutsch verstand ich, wie schwer es ist, einen Fremden zu verstehen.
Mein Großvater war für mich der Taiwanese, der einmal Japaner war. Chinese war er nie. Seit ich mich an ihn erinnern kann, saß er immer in der Dunkelheit, trank seinen dunklen Tie Guanyin und ließ sich vom Fernseher begleiten. Das Fernsehen sprach eine Sprache, die er nicht verstand. Er war ein Fremder im eigenen Land.
Ich kam nach Europa, lernte die Sprache der Fremden. Manchmal bin ich hier besser integriert, manchmal schlechter. Häufig fühle ich mich wie eine Spinne, die für immer aus ihrem Netz gefallen ist. Manchmal weiß ich, dass ich mit den Menschen hier mehr verbunden bin, als ich es mit meinen Landsleuten bin, die in der Schweiz leben. Aber wenn sich Ostern oder Weihnachten nähert, sehe ich, wie die anderen rennen, wie sie backen und ihre Feste planen. Dann wird mir klar, dass ich anders bin. Ich sitze in einer Ecke und beobachte, wie fremd ich bin.
Mit dem Älterwerden glaubte ich, den Stein meines Großvaters verstehen zu lernen. Um Großvater wirklich zu verstehen, ist es aber bereits zu spät. Seine Sprachen waren verboten, und sein Gefühl war es, verlassen zu sein. Vielleicht begegne ich Großvater und seiner Geschichte mal in irgendeinem Museum und in irgendeinem Dokument. Sein Leben in einer wechselhaften Zeit liegt begraben im Vergessen. Mit dem Erwachsenwerden begann mich die Geschichte meiner Eltern zu interessieren. Ihre Geschichte und ihre Sprache künden mir von etwas Fremdem in meiner imaginären Nähe. Was dabei passiert, ist ähnlich wie mit dem Tee. Ich dachte, Tee sei nichts weiter als Blätter. Ich wusste nicht, dass Tee auch Geschichten über Menschen erzählt.
Hongyu Hongcha ist mein Liebling beim Schwarztee. Einmal besuchte eine Obasan (Großmutter) Atongs Büro. Ihr Gesicht war verwinkelt, und ich las die Spuren einer stechenden Sonne, die eine Insel mit exotischer Wärme versorgt. Ihr Rücken war krumm, aber Atong, mein Teelehrer, brachte ihr großen Respekt entgegen. Sie redete mit ihm voller Humor in drei Sprachen. Welche der Sprachen war ihr fremd? Sie redete fließend Japanisch, ausgezeichnet Taiwanesisch und ebenso gut Chinesisch wie mein Vater. Atong erzählte mir später ihre Geschichte, die exemplarisch für ihre Zeit ist. Als die Japaner da waren, pflückte sie Kaffeebohnen. Sie pflückte Tee, als Jinxuan populär wurde. Sie wurde verheiratet an einen chinesischen Soldaten, als … Heute lebt sie in Yuchi und macht Hongyu …
Ihre Stimme klingt immer noch an mein Ohr, wie der Wind die Kiefernnadeln streichelt. «Mädchen, ich muss immer arbeiten, anders als du. Wenn ich nicht arbeite, werde ich krank.»
Hongyu heißt «rote Jade» auf Chinesisch. Eigentlich benannten die Teefarmer diesen Tee in Erinnerung an den schönen japanischen Apfel Hongyu. Der Geschmack dieses Apfels war für meine Generation auf der warmen Insel ein Hauch von Luxus! Hongyu steht als Synonym für das absolut Besondere! Hongyu trägt auf der Insel einen offiziellen Namen. Er heißt «Formosa Teebusch Nummer 18».
Ich möchte lernen, endlich lernen, meine Eltern zu verstehen. Ich möchte auch weiterhin lernen, Menschen, die mir vermeintlich nahe sind, und solche in der so genannten Fremdheit zu verstehen. Vielleicht fange ich mit Zuhören an. Ich bewundere jene Menschen, die an meinem Seminar «Sprache des Tees» teilnehmen möchten. Sie müssen sehr viel lernen. Sehr viel. Vor allem das Zuhören.
