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Mein Coelho-Dilemma: «Es wäre schön, wenn ...»

Endlich, endlich habe ich einen Roman von ihm gelesen – mehrere hundert Millionen anderer Leser rund um die Welt sind mir zuvorgekommen –, und nach der Lektüre weiss ich endlich, was mich peinigt: Ich leide am Coelho-Dilemma. Das geht so: Zum einen freut es mich, dass hier einer in flüssiger Weise von spirituellen Dingen erzählt wie nirgends sonst in der zeitgenössischen Literatur. Bei Paulo Coelho befinden sich die Protagonisten auf einem Weg der geistigen Entwicklung, sie suchen nach Antworten auf drängende Fragen, die sie über Jahrhunderte und im Verlauf mehrerer Leben umgetrieben haben. Unsichtbare Ebenen spielen mit, Handlung entwickelt sich zu Therapie und reift zu Weisheit.

Doch diese Vorzüge haben ihren Preis. In seinem neuen autobiografischen Roman Aleph stehen neben Lebensweisheiten unsägliche Banalitäten, und es kommt zu Sätzen wie diesen: «Ich war vollkommen ruhig und versuchte, so viel wie möglich von diesem Augenblick in mir aufzunehmen. Ich hatte nicht mit so etwas gerechnet, wie mit so vielem anderem in meinem Leben. Es wäre schön, wenn das Universum immer derart schön und friedlich wäre.»

Um solche Formulierungen hinzunehmen, braucht es ein gerüttelt Mass an gutem Willen. Die etablierte Literaturkritik gewährt Coelho diesen Kredit nicht, und so bezieht der brasilianische Erzähler in den Feuilletons regelmässig Prügel. Ihn dagegen in Schutz nehmen, mag ich nicht, denn seine Geschichten bestätigen leider manch ein Klischee, das unter hellen Köpfen über Esoterik in Umlauf ist. Ausgerechnet dort, wo es Wesentliches zu sagen gäbe, wird man mit Formeln abgespiesen. Die kommen zwar tiefsinnig daher, sind letztlich aber nicht viel mehr als ahnungsvoll wolkige Gebilde.

Gegen Ende dieses Romans heisst es, die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn und die damit verbundenen inneren Abenteuer hätten dem Autor dazu gedient, wieder König seines Reiches zu werden. Gut. Zu Beginn erklärt Coelho seinen Mitreisenden das titelgebende «Aleph» als einen Ort im Universum, in dem Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft aufgehoben seien. In diesen jenseitigen Ort stürzt er unversehens in Begleitung der jungen Hilal im Verbindungsgang zwischen zwei Eisenbahnwaggons. Statt sich auf eine amouröse Eskapade mit der reizenden Geigenvirtuosin einzulassen, durchforscht er im Bett mit ihr vergangene Leben. Also wirklich!

In Nowosibirsk begegnet das ungleiche Paar Tatiana, einer ihn verehrenden Leserin, die der Autor als sibirische Göttin apostrophiert. Auch mit Tatiana ereignet sich Ahnungsvolles und Bedeutungsschweres, doch letztlich entpuppt sich die russische Ingenieurin als Mensch voller Schuldgefühle und mit durchaus irdischen Nöten. Keine Frage, der Frau könnte geholfen werden, aber wohl kaum durch Ausflüge in esoterische Gefilde. Mir wiederum hat Tatiana geholfen. Denn nun weiss ich, dass ich nicht der Einzige bin auf der Welt, der leidet am Coelho-Dilemma.

Martin Frischknecht

Paulo Coelho: Aleph. Diogenes Verlag, Zürich 2012, 310 Seiten, Fr. 33.90.

05.02.2012

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