Die unfehlbare Vernunft des Papstes
Der Papst sei von der muslimischen Welt missverstanden worden, was er eigentlich bei seiner Rede sagte, sei etwas anderes. Ihm sei es darum gegangen, den Wert der Vernunft zu betonen und sich gegen den Einsatz von Gewalt zur Verbreitung von Religion auszusprechen, als er zurückgriff auf die Rede eines christlichen Kaisers vor 600 Jahren. Der hatte damals gesagt, die Lehre des Propheten Mohammed habe der Welt nichts Gutes gebracht und daraus sei noch nie etwas Humanes erwachsen.
Jetzt ist die muslimische Welt aufgebracht, und der Papst soll sich für seine Äusserungen entschuldigen. Das tut er nicht. Der «heilige Vater» in Rom sagte lediglich, es tue ihm leid, wenn er missverstanden worden sei und dieses Missverständnis zu einer Verletzung religiöser Gefühle geführt haben sollte.
Warum entschuldigt sich der Papst nicht? Ganz einfach: Weil er das nicht kann. Der Vertreter Gottes auf Erden ist unfehlbar. Mit Diplomatie hat das nichts zu tun. Mit Vernunft allerdings auch nicht.
Halten wir fest: Vernunft, Menschlichkeit und Toleranz sind keine Erbschaft dieser Religionen. Wo sich diese Werte haben durchsetzen können, wo sie zum allgemein gültigen Massstab menschlichen Handelns wurden, haben sie sich durchgesetzt gegen den erbitterten Widerstand der Kleriker jedweder Couleur. Wer glaubt, was wir gelernt haben als Menschenrecht und Menschenwürde hoch zu schätzen, sei in den Händen dieser Leute gut aufgehoben, befindet sich auf Holzweg und wird für seinen Irrtum teuer bezahlen müssen.
Lassen wir diese Männer ihre heiligen und und weniger heiligen Worte aussprechen und auslegen, wie es ihnen beliebt. Doch hüten wir uns davor, uns durch diese Herren in deren Streit hereinziehen zu lassen. Messen wir sie stattdessen an ihren eigenen Taten!
Wenn es dem Papst mit seiner Aufforderung ernst ist, bei der Verbreitung von Religion auf Gewalt zu verzichten, soll er mit gutem Beispiel vorangehen und selber darauf verzichten. Wie er von Mullas und Ayatollas sogleich erinnert wurde, hat es die christliche Religion weltweit nur dadurch zu ihrer zahlenmässigen Übermacht gebracht, indem die unterjochten Völker Lateinamerikas und Afrikas unter Zwang missioniert wurden.
Mit den Völkern Europas sieht es nicht anders aus, das Geschehen liegt nur weiter zurück. Auch in den so genannt christlichen Stammlanden erfolgte die Missionierung zum Christentum mit Gewalt und war von verheerendem Genozid an der germanisch-keltischen Bevölkerung begleitet. Nicht das Liebesgebot war es, welches unsere Vorfahren zu diesem Glauben bekehrte, sondern das Schwert.
Man stelle sich vor, der oberste Glaubenshüter der katholischen Christenheit wäre in Regensburg vor das Volk getreten, hätte sich für die Anwendung von Gewalt entschuldigt und die Nachkommen aller Zwangsmissionierten, aus dem Hort der Kirche in die Freiheit entlassen. Vielleicht wäre der Mann ziemlich bald ziemlich alleine dagestanden. Als Leuchtturm der Vernunft in einem Meer von Gewalt und Glauben.
Martin Frischknecht
01.09.2006