The Cove: Das Massaker an Delfinen
Es ist grässlich, absolut grässlich. Wer sich das vor Augen halten will, braucht Mut, denn diese Bilder lassen sich so leicht nicht vergessen. Sie verstören nachhaltig. Noch Tage danach drücken sie aufs Gemüt, und dazu die bohrenden Fragen: Warum tun Menschen so etwas? Was bringt eine Regierung dazu, sich schützend und vertuschend vor solche Grausamkeit zu stellen? Was muss geschehen, damit das endlich aufhört?
Der Film gibt darauf keine Antworten. Aber er zeigt die Bilder, und er erzählt die lange Geschichte, wie es zu diesen Bildern gekommen ist. Wie in einem Thriller verfolgen wir atemlos die Bemühungen der Tierschützer aus dem Westen, die Fischer des japanischen Küstenorts Taiji bei ihrem bösen Treiben zu überführen. Dazu braucht es diese Bilder. Nur wer der Welt vor Augen führen kann, was in der Bucht des Tötens geschieht, kann etwas dagegen tun. Das wissen die Guten wie die Bösen. Darum ringen sie um diese Bilder. Und darum sollten wir sie uns ansehen.
Ob sich der gigantische Aufwand, an diese Bilder heranzukommen, ob sich die vielen Filmpreise und guten Kritiken und schliesslich das Entsetzen des Publikums, ob sich das alles auch lohnt, das wissen wir erst, wenn die japanische Regierung aufgrund des internationalen und vielleicht bald auch nationalen Drucks einbricht und dem mörderischen Treiben in Taiji Einhalt gebietet. Dann, so Rick O’Barry, der Protagonist des Films, der sich vom Delfin-Trainer der Serie Flipper wandelte zum kompromisslosen Delfin-Befreier, dann würde feststehen, dass uns als Menschheit und mithin der Erde noch zu helfen sei. Sollte The Cove diese Wirkung jedoch nicht entfalten, dann sähe es düster aus.
Gewiss ist das eine im Grund nicht zulässige Engführung. Doch das Thema des ökologischen Zusammenbruchs ist komplex, wir alle sind darin Täter und Opfer zugleich. Damit verglichen sind die Delfine so fraglos sympathische harmlose Wesen, und ihre Beschützer so überzeugend gute Menschen, dass wir fast nicht anders können als ihnen zustimmen und auf den Sieg ihrer Sache hoffen. Wäre ein indisches Team von Tierschützern am Werk, das sich Einblick verschaffte in ein westliches Schlachthaus, wo systematisch Kühe niedergemacht werden, sähe die Sache gewiss anders aus.
Der Einwand soll einen nicht daran hindern, ins Kino zu gehen und sich diesen Öko-Thriller anzusehen. Und hat er Erfolg, so wenden wir uns den Kühen zu.
Martin Frischknecht
The Cove. 92 Minuten, ab 27. Januar im Kino.
PS: Anfang Februar wurde bekannt, dass The Cove in die engere Auswahl der Nominationen für einen Oscar in der Sparte Dokumentarfilm aufgenommen wurde.
26.01.2010