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Tod in der Schwitzhütte

"Mind over matter", der Geist bestimmt die Materie, lautet eine der Kernbotschaften esoterischer Bestseller wie The Secret. James Arthur Ray, ein Exponent dieser Lehre, hat damit kürzlich drei Kursteilnehmer in den Tod geritten. Von Stephen Kiesling

Fragt man "Grossmutter" Aggie, was sie darüber denkt, dass im vergangenen Oktober in Sedona, Arizona, drei Menschen bei einer Schwitzhütte ihr Leben verloren, dann sagt sie, sie würde dem Workshop-Leiter James Arthur Ray "am liebsten einen Tritt in den Hintern verpassen". Wer die Geschichte nicht mitbekommen hat, sei hier kurz über das Wichtigste informiert: James Arthur Ray ist so etwas wie ein Reichtums-Trainer. Er wurde berühmt durch das Buch und den Film The Secret, wo er prominent vorkommt als Propagandist eines neuen Denkens und Begründer von "The Science of Success and Harmonic Wealth". Bei dem von ihm geleiteten Workshop in Sedona ging es darum, ein "spiritueller Krieger" zu werden. Die Teilnahmegebühr lag bei 9000 Dollar, und der Kurs wurde abgeschlossen mit einer Schwitzhütten-Zeremonie, was 3 Teilnehmer nicht überlebten und etliche weitere Teilnehmer ins Spital brachte.

Grossmutter Agnes Baker Pilgrim ist die älteste Takelma-Indianerin, und sie steht einem indianischen Ältestenrat von 13 Grossmüttern vor. Mit ihren 85 Jahren hat sie bereits mit mehreren Generationen in Schwitzhütten rund um die Welt gesessen. Sie ist der festen Überzeugung, dass diese starke Heilzeremonie auch ausserhalb der indianischen Gemeinschaft ihren Platz haben soll. Dennoch meint Grossmutter Aggie, die Leitung einer Schwitzhütte sei nichts für einen Mann wie Ray. Er solle die Finger davon lassen, denn eine Schwitzhütte sei kein Geschäft.

Grossmutter Aggie erklärt dazu weiter: "Eine Schwitzhütte ist eine heilige Zeremonie und wird in einem würdigen Rahmen abgehalten. Wenn wir den Wesen mit einem Bein, den Weidenbäumen, die Arme nehmen, bringen wir ihnen Opfer dar. Der Boden, auf dem die Zeremonie stattfindet, wird durch Gebete gesegnet. Die Stein-Leute sind sehr heilig, wenn sie erhitzt werden, und wenn das heilige Wasser des Lebens auf sie gegossen wird, berührt das alle, die in der Schwitzhütte sitzen. Sämtliche Handlungen werden würdig vollzogen, auf dass jeder Beteiligte innerlich und äusserlich eine Reinigung und Heilung erfahren kann."

Dem fügt sie hinzu, dass Schwitzhütten-Leiter aus der indianischen Tradition üblicherweise Jahre als Feuerwärter zubringen, bevor sie damit betraut werden, in der Schwitzhütte das Wasser aufzugiessen. Jemand in dieser Stellung habe meist an Dutzenden, wenn nicht mehr als hundert Schwitzhütten teilgenommen, bevor sie oder er auch nur einen Tropfen Wasser auf einen Stein giesse. Bei einer Schwitzhütte gehe es nicht darum, die Temperatur möglichst in die Höhe zu treiben. Das sei für niemand gesund. Geld stehe nicht im Zentrum. Wenn mit einer Schwitzhütte finanzielle Ziele verfolgt würden, sei Heilung ausgeschlossen. Falls derjenige, welcher für die anderen bete, mit Geld bedacht werde, so geschehe das nach der Zeremonie, und der Betrag bemesse sich danach, für wie wertvoll die Teilnehmer die Heilung erachteten, die sie dabei erfahren haben.

Warum es bei Rays Schwitzhütte Tote gab, ist eine Frage, welche voraussichtlich während mehreren Jahren vor Gericht verhandelt werden wird. Der Seminarleiter ist vor kurzem verhaftet worden. Mehr als sechzig Menschen in eine einzige Hütte zu quetschen, war offensichtlich zu viel, und die Verwendung von Plastikplanen verunmöglichte es, dass die Luft hätte zirkulieren können.

Das Gericht wird sich wohl auch mit Rays Rolle beschäftigen, der während des einwöchigen Kurses für die Teilnehmer Gott spielte, indem er sie nötigte, über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Vor der Schwitzhütte geschah dies während einer 36-stündigen Visionssuche. Wer sich ernstlich für den spirituellen Hintergrund der Veranstaltung interessiert, wird bei dem, was James Arthur Ray an Eigenwerbung auf dem Internet von sich verbreitet, auf tiefer liegende Probleme stossen.

Ray gibt an, seine Idee der Selbstverwirklichung basiere auf Maxwell Maltz’ Theorie der "Psycho-Kybernetik", der wiederum eine überkommene Vorstellung vom Gehirn aus den 60er Jahren zugrunde liegt. Dieser Theorie zufolge ist der menschliche Geist "ein psycho-kybernetischer Mechanismus wie ein Thermostat, der auf eine bestimmte Funktion eingestellt ist". Und natürlich ist Ray berühmt geworden durch The Secret und die darin propagierte Idee, mit der richtigen Einstellung lasse sich alles erreichen.

Hier liegt das Problem: Rays grundlegende Botschaft heisst "Der Geist bestimmt die Materie (mind over matter)". Das Universum beschert dir alles, was du dir wünschst, falls du deinen Geist auf die rechte Weise darauf fokussierst. Wie ein Thermostat kann auch dein Geist mal verklemmen und dich am Erreichen deiner Ziele hindern. Die Visionssuche und die Schwitzhütte sind nach Auffassung von Ray die idealen Instrumente, um den Körper zu reinigen und dem höheren Geist die Bahn zu bereiten. Beide Verfahren führen vor Augen, wie Denken und Körper, Geist und Natur wechselweise verbunden sind. Sich in eine Schwitzhütte zu setzen und sein Denken darauf zu konzentrieren, den Körper und dessen Bedürfnisse nicht wahrzunehmen, um damit den inneren "Thermostaten" neu einzustellen, scheint eine zuverlässige Wegbeschreibung in den Untergang zu sein. Und tatsächlich wurden die Leute in der Schwitzhütte von Sedona derart konfus, dass sie nicht einmal merkten, wie der Mensch neben ihnen wegstarb.

James Arthur Ray hat den Ort des Geschehens kurz nach der Katastrophe verlassen. Er eilte zum Flughafen, um andernorts ein nächstes Seminar zu leiten. Über seine Motivation als Gruppenleiter spricht das Bände. Wahrhaft bedrückend und entmutigend ist jedoch, dass es immer noch Leute gibt, welche diesem Mann nacheifern.

Infos über James Ray und über die laufenden Ermittlungen: www.jamesray.com


Überlebenstipps für Schwitzhütten

Von Andrea E. Stumpf

Vor vier Jahren verstarb mein Bruder – er war ein 42-jähriger starker und athletischer Mann – in einer Schwitzhütte. Es gab darüber eine polizeiliche Untersuchung, doch führte diese nicht zu einer Anklage oder zu einer öffentlichen Debatte über den Fall. Seitdem habe ich von weiteren solchen unerklärlichen Ausnahmefällen erfahren, und die Umstände dieser Fälle deuten auf ein zugrunde liegendes Muster. Der Vorfall von Angel Valley bei Sedona mag vom Ausmass her extrem sein, doch die weiteren Todesfälle, die es eben auch gab, sind nicht minder tragisch. Ich wollte herausfinden, wie es zum Tod meines Bruders kommen konnte. Mir scheint es wichtig, dass wir beginnen, die erheblichen Gefahren zu erkennen, die mit dem überreichen Seminarangebot unserer Tage einhergehen. Tragen wir Sorge zu uns, wenn wir uns auf solche bereichernden Erfahrungen einlassen? Achten wir darauf, wie es dem Menschen neben uns ergeht? Die folgenden sechs Verhaltensregeln, die ich durch den Tod meines Bruders erlernte, mögen künftige Tragödien verhindern.

Der Körper hat seine Grenzen.
Wer sich im Internet über Schwitzhütten informiert, stösst auf wunderbare Erfahrungsberichte in den leuchtendsten Farben, die einen schlicht überwältigen. Warnende Hinweise finden sich so gut wie keine. Bei der Schwitzhütte, an der mein Bruder teilnahm, gab es keinerlei Vorsichtsmassnahmen, keine Verhaltenstipps zur eigenen Sicherheit, keinen Hinweis auf mögliche physische Einschränkungen, keine Einverständniserklärung, die vorab zu unterzeichnen gewesen wäre, nichts, was auf die Möglichkeit einer Gefahr hätte schliessen lassen. Im Gegensatz dazu wird jeder Besucher einer Sauna in den USA von Gesetzes wegen durch ein Schild darauf aufmerksam gemacht, dass ein Saunagang kein Ausdauertest ist und dass eine Überhitzung des Körpers dazu führen kann, sein Wärmeempfinden zu verlieren, drohende Gefahren nicht mehr wahrzunehmen, den Raum nicht mehr verlassen zu können und in Ohnmacht zu fallen.

Verlassen Sie sich nicht auf andere, wenn es darauf ankommt.
Im New-Age-Betrieb werden viele Wege zur Erleuchtung feilgeboten, manch ein Verfahren rührt aus einer alten Tradition und hat sich im Verlaufe einer langen Zeit entwickelt und bewährt. Heute lautet die Devise "Frisch drauf los". Man sammelt Erfahrungen, was das Zeug hält, und treibt die Sache auf "Transzendenz komm raus" forsch voran. Doch macht es einen grossen Unterschied, ob solche Erfahrungen innerhalb eines Stammes gemacht werden, dem man zeitlebens zugehört, oder ob es sich um eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe handelt. Bei der Zeremonie, an der er teilnahm, war mein Bruder ein Unbekannter unter Unbekannten. Obschon die Teilnehmer Schulter an Schulter schwitzten, blieb er schliesslich sich selber überlassen.

Die Privatsphäre wird oft so sehr geachtet, dass es auf eine Missachtung des Menschen hinausläuft.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit 13 Menschen in einem engen Raum in der Dunkelheit. Jeder geht bis zur Grenze seiner Belastbarkeit und darüber hinaus. Da hören Sie, wie jemand im Raum klagend weint. Das geht mindestens 20 Minuten lang so, dann fehlt dem Weinenden die Kraft. Bald ist von ihm nur noch ein leises Wimmern zu vernehmen. Daraufhin wird es still. Sie strecken Ihre Hand aus, berühren den anderen mehrfach, doch dieser reagiert nicht. Löst das einen Alarm aus? Nicht in dieser Gruppe. Nicht bei Menschen, die dazu gebracht wurden zu glauben, jeder hier drin strebe auf seine Art nach einem kathartischen Durchbruch. Sie wollen einen anderen doch nicht aus dem Nirwana reissen.

Erwarten Sie vom Gruppenleiter nicht, dass er auch tatsächlich leitet!
Die Schwitzhütte, an der mein Bruder teilnahm, wurde von einem Schamanen geleitet, einem "spirituellen Berater", der landauf, landab indianische Zeremonien leitete, darunter auch immer wieder Schwitzhütten an jener Stelle. Ich nehme an, mein Bruder dachte, er stehe unter dem Schutz eines erfahrenen Lehrers. Doch dieser Lehrer war im entscheidenden Moment nicht da. Er ging zu einem See, um sich abzukühlen, und überliess die Leitung der Schwitzhütte einem Freund. Als einer der Teilnehmer sich an meinen Bruder wandte und ihn fragte, wie es ihm gehe, forderte der Stellvertreter diesen Teilnehmer auf, meinen Bruder in Ruhe zu lassen.

Gehen Sie nicht davon aus, dass Erste Hilfe bereitsteht.
Wenn Sie eine Sauna veranstalten, würden Sie dafür sorgen, dass kaltes Wasser zur Verfügung steht? Vielleicht auch Eis? Gegen Hitzschlag gibt es nur ein Mittel: Man muss den Körper herunterkühlen. Vermutlich würden Sie den Leidenden zum See bringen und ihn dort abkühlen. Doch weder der Organisator noch der Leiter der Schwitzhütte hatte auch nur Nötigste dabei, um Erste Hilfe leisten zu können. Beide hatten sie sich vorzeitig aus der Zeremonie verabschiedet. Sie reagierten erst, als sämtliche Teilnehmer die Schwitzhütte verlassen hatten, ausser mein Bruder.

Bei einem Notfall tun längst nicht alle Leute das Richtige.
Bei einem Notfall sollte die erste Massnahme stets ein Alarm an die Ambulanz sein. Wenn Sie selber bewusstlos sind, erwarten Sie mit gutem Grund, dass andere das für Sie ohne Aufschub tun. Bestimmt wollten Sie nicht, dass zunächst ein Medizinmann während zwanzig Minuten versucht, ihre Seele zurückzurufen. Als mein Bruder endlich in ein Auto verfrachtet wurde, in sich zusammengesunken und überhitzt, irrte man mit ihm durch die Gegend, bevor schliesslich die nächstgelegene Feuerwehrstation erreicht wurde. Von dort aus ging es mit einer Ambulanz ins nächstgelegene Spital, was noch einmal eine Stunde dauerte. Als er dort eintraf, war der Gesundheitsschaden irreversibel. Er kehrte nie mehr ins Bewusstsein zurück.


No Secret
Seit mehreren Jahren hält The Secret von Rhonda Byrne sich oben auf der Bestsellerliste und liegt derzeit in der 16. Auflage vor. Das Werk, in dem zahlreiche amerikanische Erfolgstrainer wie James Arthur Ray zu Wort kommen und unhinterfragt ihre Botschaft von "Denk dich glücklich" verbreiten hat eine ganze Flut von Nachfolgewerken provoziert. Gemessen an der Verbreitung dieser Literatur, müssten wir längst alle reich und glücklich sein. SPUREN hat sich von Anfang an kritisch mit diesem Phänomen auseinandergesetzt: "Das Geheimnis der Reichen" in Nr. 84, "Leben in der Fülle" und "Noch ein Wunsch?" in Nr. 87.

05.02.2010

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Kommentare:

The secret ot the secret

http://www.youtube.com/watch?v=Et_jG58qg1k&feature=related


Beitrag von: Werner Graf am 06.02.2010 - 8:38

Subliminals in Movie The Secret

http://homoveritas.net/blog/?p=4208


Beitrag von: Werner Graf am 13.03.2010 - 23:44

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