Auch und vor allem ein spiritueller Film: A Single Man
Eine grandiose Romanverfilmung mit überzeugenden Schauspielern. Von Martin Frischknecht
Eigentlich sollte ich nicht über Filme schreiben, ich bin dazu nicht der richtige Mann. Ins Kino gehe ich stets mit gemischten Gefühlen. Ich mag es nicht besonders, in einem dunklen Saal zu sitzen und durch eine Flut von Bildern, Worten und Klängen überwältigt zu werden, ohne mit dem Urheber dieser geballten Ladung und dessen Obsessionen vertraut zu sein. In die Vorführung von A Single Man ging ich geradezu bangen Herzens. Der gleichnamige Roman von Christopher Isherwood ist mir lieb. Es ist meiner Meinung nach eine der wenigen rundum geglückten Verbindungen von Literatur und Spiritualität. Die Aussicht, diesem Werk in der Verfilmung von Modedesigner Tom Ford zu begegnen, der bereits in jungen Jahren bei Gucci und Konsorten brillierte und sich dann aufs Filmemachen verlegte, erfüllte mich mit düsteren Ahnungen.
Aber klar, Isherwood hat viele Seiten. Heute wird der 1989 verstorbene englische Schriftsteller hauptsächlich verehrt als eine Art Gallionsfigur der Schwulenbewegung. Da gehören "good looks", Sinnlichkeit und Ästhetik unabdingbar dazu. Doch dieses Buch hat wesentlich mehr zu bieten. Der Autor von Werken wie Mr. Norris steigt um und Leb wohl, Berlin, den literarischen Grundlagen zum Erfolgsfilm Cabaret, schrieb A Single Man als Summe seines Lebens nach Jahrzehnten einer spirituellen Schulung beim indischen Vedanta-Lehrer Swami Prabhavananda. Anhand eines einzelnen. voraussichtlich letzten Tages im Leben des Literaturprofessors George in Los Angeles handelt dieser Roman die grossen Fragen des Menschseins ab. Der kurze Text tut es in einer nüchternen, klaren Prosa, die wunderbar kontrastiert mit der Weite des Geistes, der darin atmet. Meditiert wird am Steuer, in der Bar und auf dem Klo. Handlung gibt es nicht viel, innere Dialoge die Menge. Daraus einen Film zu machen braucht Mut – oder Ahnungslosigkeit.
Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen: Dieser Film ist grossartig. Ich habe das Kino in Hochstimmung verlassen und halte das Experiment für rundweg gelungen. Einige Szenen sind wortwörtlich aus dem Buch übernommen, anderes wurde frei hinzugefügt. Alles hält wunderbar zusammen, nicht zuletzt dank der stupenden schauspielerischen Leistung von Hauptdarsteller Colin Firth, aber auch dank der raffinierten Farbgebung und der ungemein einnehmenden Ästhetik von Bild und Ton. Den roten Faden jedoch, dem wir durch diesen recht gewöhnlichen Tag gerne folgen, bildet Georges Einstellung zur eigenen Wahrnehmung: Er nimmt teil, berührt, lässt sich berühren, und zugleich ist er Beobachter seiner selbst. Dieses entscheidende Element unaufdringlich und doch nachvollziehbar auf die Leinwand gebracht zu haben, halte ich für ein kleines Wunder.
Eine Szene sei erzählt: Die gesamte Leinwand wird ausgefüllt von den Augen und der Nase einer schönen Frau in Blautönen. Buchstäblich: ein langer Augenblick. Dann schiebt sich wie ein Schattenriss das Coupé des Protagonisten vor das farbige Gesicht der Diva, und wir erkennen es als überdimensionales Filmplakat. Georg kauft eine Flasche Gin. Dabei wird er ins Auge gefasst von einem jungen, bildschönen Mann. Im unendlich weichen kalifornischen Abendlicht entspinnt sich zwischen den beiden eine erotisch aufgeladene Unterhaltung. Obwohl George dem jungen Stricher Geld gibt und ihn für seine Schönheit bewundert, kommt es zwischen den beiden nicht zu Sex. Stattdessen geniessen sie vom Parkplatz aus den Sonnenuntergang und rauchen nebeneinander eine Zigarette.
Neugierig geworden auf den Mann hinter diesem Kunstwerk, lese ich im "Kleingedruckten" der Presseunterlagen über Tom Ford, dass er Isherwoods kleines Meisterwerk in jungen Jahren zum ersten Mal las. In einer Sinnkrise nach seinem vierzigsten Geburtstag griff er wieder danach. Jetzt erst, bei der zweiten Lektüre, habe der spirituelle Gehalt dieser Geschichte zu ihm gesprochen, und er habe seinen Auftrag darin erkannt, das Werk zu verfilmen.
Bravo! Wir wollen es ihm danken. Und dass er hofft, wie beim Entwerfen von Kleidern, mit seinem Film einen Trend vorab erspürt zu haben, der sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf breiter Front durchsetzen werde – diese Hoffnung wollen wir ihm gewiss nicht verdenken. Im Gegenteil: Das kann man diesem Film nur wünschen.
A Single Man. 99 Minuten, ab Mitte Februar 2010 im Kino
15.02.2010