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Wie bitte? Der «Aids-Heiler» von Bern

Wie bitte? Der «Aids-Heiler» von Bern

Anfang Juni 2010 platzte die Meldung an die Öffentlichkeit: In Bern ermittelt die Justiz seit mehreren Jahren gegen einen Mann, der verdächtigt wird, bis 19 Personen willentlich mit dem HIV-Virus infiziert zu haben. Die Angesteckten hatten sich offenbar gutgläubig beim Beschuldigten in Behandlung begeben. Dieser hatte sie über verseuchte Akupunkturnadeln oder Spritzen angesteckt. Später wurde bekannt, dass die Ansteckungen daher kamen als eine Art Ritual der Blutsbrüderschaft, wobei den Geschädigten keineswegs bewusst war, worauf sie sich bei dem gruseligen Winnetou-Spiel einliessen.

Noch sind die Fakten zum Tathergang unklar. Obwohl die Taten weit zurückliegen, gestalten sich die Ermittlungen als derart komplex, dass in dem Fall noch nicht einmal Anklage erhoben worden ist. Klar ist bis dahin bloss eines: Der mutmassliche Täter ist «der Heiler von Bern».

Wie ist das möglich? Wie kann man diesen Menschen ernstlich als «Heiler» bezeichnen? Nach allem, was über ihn bekannt ist, handelt es sich bei dieser Zuschreibung um ein Oxymoron. Ein Heiler, auf den diese Berufsbezeichnung zutrifft, bemüht sich definitionsgemäss darum, dass Menschen, die ihn konsultieren, gesund werden. Einer, der andere absichtlich mit einem Krankheitserreger ansteckt, kann ein Heiler nicht sein. Ebenso gut könnte man von einem ordentlichen Wirrkopf, von einem chaotischen Ordnungsfanatiker oder einem lebenslustigen Nekrophilen sprechen. Das eine schliesst das andere aus. Doch im vorliegenden Fall flutscht die hirnrissige Formulierung seit Wochen unwidersprochen durch die Medien.

Schlimmer noch: Beim Blick, wo die haarsträubende Geschichte trotz dünner Faktenlage naturgemäss für eine lang anhaltende Kampagne sorgt, gibt es bereits «Opfer des Heilers», und dieser wird tituliert als «Aids-Heiler». Eine der besonders fetten Blick-Schlagzeilen deutet auf den Grund, warum hier munter bar jeder Logik drauflos formuliert wird: «So stach der Aids-Heiler zu: 'Ich öffne dir dein drittes Auge!'»

Will sagen: Der Skandal spielt im Milieu der Esoterik oder zumindest in jenem obskuren Bereich, der von den tonangebenden Medien dafür gehalten wird. Daraus lassen sich unter dem Applaus eines breiten Publikums Schandtaten eines jeden Kalibers berichten. War da nicht mal der Massenselbstmord der Sonnentempler? Wer sich in dem Bereich aus eigener Erfahrung auskennt, könnte versucht sein, sich angesichts der schändlichen Schlagzeilen zu sagen: (Alle drei) Augen zu und durch! Doch mit geschlossenen Augen wird die leidige Sache kaum durchzustehen sein.

Zumindest die Berufsverbände haben das verstanden. Kurz nach Bekanntwerden der Vorfälle erklärte Ruth Vuilleumier, die Präsidentin des Schweizerischen Verbandes für Natürliches Heilen (SVNH), der Berner Zeitung, ihr Verband versuche solche Missbräuche mit Hilfe eines strengen Prüfungssystems zu verhindern: «Die therapeutisch tätigen Aktivmitglieder werden nicht nur in der Heilmethode geprüft, sondern ganz besonders auch auf ihre Persönlichkeit hin, wie sie mit Klienten umgehen, welche Werte sie vertreten.» Später zeigte sich, dass der Beschuldigte nicht nur über keinerlei Praxisbewilligung verfügte, sondern er sich in der Freizeit unter Bekannten als Heiler aufgespielt hatte. Praktiker der in der Schweiz weit verbreiteten Traditionellen Chinesischen Medizin beeilten sich klarzustellen, dass bei einer seriös ausgeführten Akupunktur selbstverständlich nur sterile Einwegnadeln zum Einsatz kommen.

Doch der Mist ist geführt. Wer bei einem solchen Skandal zur Besinnung ruft und differenzierende Informationen nachreicht, sitzt am kürzeren Hebel. Das dürfte auch Mario Mantese erfahren, der sich gegen einen diffamierenden Beitrag in der NZZ am Sonntag (27.6.2010) rechtlich zur Wehr setzen will. Der Bieler Weisheitslehrer war in dem Blatt mit dem mutmasslichen Täter von Bern im selben Zusammenhang genannt worden. Als gemeinsamer Nenner wurden in dem Artikel «Charisma» und «Abhängigkeit» genannt, zur Illustration wurden ungefragt Bilder von einem öffentlichen Auftritt Mario Manteses herbeigezogen.

Wie kann es zu derart groben Fehlleistungen kommen? Eine Erklärung hierfür ist leider leicht zu finden. «Seelenheiler und Scharlatane» stand als Überschrift in der NZZ am Sonntag. Das klingt zwar gut, kreist jedoch um eine Leerstelle: Denn wofür, bitte schön, steht «Seelenheiler»? Aus dem Artikel ist das nicht zu erfahren. Stattdessen lauter Verunglimpfungen und Verdächtigungen gegen Menschen, deren Beweggründe und Aktivitäten offensichtlich nicht verstanden werden.

Im Grunde läuft es auf die ewig gleiche, von den Medien seit Jahr und Tag wie ein Mantra wiederholte Botschaft hinaus: Wer sich als Heiler aufspielt, ist ein Scharlatan. Anders kann es nach dem Dafürhalten dieser Meinungsmacher nicht sein. Die berufliche Praxis Tausender von Heilern und die Erfahrungen von gewiss über hunderttausend Klienten in diesem Land sprechen dagegen. Doch das alles zählt nicht. Wer heilt, hat nicht Recht. Sie oder er ist ein Scharlatan.

Ziemlich unheil, das Ganze. Wer dagegen ein Heilmittel weiss – bitte aktiv werden und sich melden!

Martin Frischknecht

03.07.2010

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