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«Die Kunst stillzusitzen» von Tim Parks – die mitreissende Geschichte einer Heilung

Auch kluge Leute werden krank, Intelligenz schützt bekanntlich vor Ansteckung und Leiden nicht. Und zuweilen erwischt es kluge Köpfe, die von ihrem Kranksein auch noch gut erzählen können. Dann dürfen wir uns freuen, denn daraus entsteht eine Art von Literatur, die ihresgleichen sucht. Darin geht es ums Ganze, der einzelne ringt mit den Grundfragen der Existenz, Ausflüchte sind keine möglich. Mars von Fritz Zorn ist so ein Werk, So schön wie hier, kanns im Himmel gar nicht sein, das Krebstagebuch von Christoph Schlingensief, und Brief an mein Leben, der Burnout-Bericht von Miriam Meckel, reihten sich jüngst in diese Gattung ein, die zum Leidwesen der Buchhändler schwer in den Regalen unterzubringen ist.

«Schön und gut, aber wo sollen wir das einordnen?’, fragt der Verleger. ‘Unter Gesundheit, Psychologie, New Age, Biografisches oder Kritik?’ Meine erste Reaktion auf die Frage ist Empörung: Genau über dieses Problem habe ich doch geschrieben! Reduktionismus, Etiketten. Bei genauerem Nachdenken allerdings muss ich zugeben, dass wir niemals finden würden, wonach wir suchen, wenn wir die Dinge nicht in Schubladen stecken würden. Ich bin unsicher. Ich möchte mich nicht festlegen. Bis mir klar wird, dass man zumindest bei Büchern die besten Erfahrungen nicht unbedingt macht, wenn man findet, wonach man gesucht hat, sondern wenn man seinerseits von etwas ganz anderem als dem Gesuchten gefunden, ja überrascht wird, etwas, das einen auf unbekanntes Terrain lockt.»

Das steht im Vorwort von Tim Parks' Die Kunst stillzusitzen, einem autobiografischen Buch mit dem Untertitel «Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung». Muss nach dieser Einleitung noch gesagt werden, dass der britische Romanautor sich das Thema für sein neues Werk nicht selber aussuchte, dass er sich nur unter Flüchen und Verwünschungen «auf unbekanntes Terrain locken» liess? Nein, aus freien Stücken tut man sich so etwas nicht an: Druck, stechende Schmerzen im Unterleib, sechs bis zehn Mal Wasserlösen Nacht für Nacht, das waren die Symptome, die ihn in die Praxen von Urologen und Chirurgen trieben. Experimente mit Sport und mit Dauerlauf, Ernährungsumstellungen, Selbstversuche mit Medikamenten, medizinische Untersuchungen aller Art, begleitet von stundenlangen nächtlichen Ausflügen durch Internet-Foren, in denen hilflose Patienten ihre Leidensgeschichten austauschen, davon handeln die ersten 150 Seiten dieses Buches.

Die Schmerzen bleiben, und mit der Zeit steht fest, dass es seitens der Medizin keine schlüssige Erklärung dafür gibt. Ein Ratgeber, respektive dessen Titel wird zum Stolperstein und zum Punkt der Wende: «Kopfschmerz im Becken». In dem Werk findet Tim Parks nicht bloss den Strauss der Symptome, unter denen er leidet, akurat beschrieben, sondern auch einen Weg der Heilung vorgezeichnet. Das Grimmen im Bauch sei nicht länger zu unterdrücken und zu beämpfen. Vielmehr gehe es darum, sich zu entspannen und über den Atem mit den Schmerzen in Verbindung zu treten. Parks hält sich an den Rat. Er lässt sich ein auf eine Methode namens «Paradoxe Entspannung». Dadurch erreicht er zum ersten Mal nach Jahren des Leidens so etwas wie eine Insel der Erleichterung.

Nun folgt er der Spur des Körpers. Dabei wird ihm klar, dass er sein imposantss Werk als Schriftsteller dem eigenen Körpers abgerungen hatte. Je konzentrierter er schrieb, desto verkrampfter sass er am Pult und verhärtete seine Muskeln. Damit bestärkte er Muster, die er bereits als Kind in sich aufgenommen hatte: das Leben als Kampf und Krampf, Wut und Verspannung als Grundschwingung der Identität. So etwas lässt man nicht von heute auf morgen hinter sich. Selbst wenn der Körper nach Erlösung schreit, hat er denkende Geist seine Einwände und verschanzt sich hinter Vorbehalten.

Aus diesem Spannungsfeld heraus lebt dieser mitreissende Bericht einer Heilung. Tim Parks mutiert im Verlaufe seiner Therapie nicht zum Konvertiten oder Anhänger einer therapeutischen Methode. Mit wachem Verstand zerpflückt er die von Gemeinplätzen strotzende Rede eines Gurus – und unterzieht sich dessen Anweisungen zur Meditation. Weil es ihm gut tut, und weil er allmählich begreift, wie sehr Gedanken uns in die Irre führen können.

«Je mehr wir Gedanken und Worte mit Stille bedrohen, oder auch nur danach streben, sie von dem aberwitzigen Thron, auf den unsere Kultur und unsere Erziehung sie gehoben haben, zu stürzen, desto furchtbarer werden sie in ihrer Not, sich selbst zu rechtfertigen und zu bestätigen», notiert er hellsichtig nach seinem ersten Retreat mit Vipassana-Meditation. Zur Teilnahme geraten hatte ihm sein örtlicher Shiatsu-Therapeut.

Was dieser Mann tut, das tut er gründlich. Dem Leser kommt diese Eifer ungemein zugute. Lange nicht mehr habe ich derart ergreifend und präzise vom Abenteuer der menschlichen Transformation gelesen. Das Schweigen und die Distanznahme zum eigenen Denken treibt Tim Parks so weit, dass er sich während eines weiteren Meditationskurses, in dem seine Persönlichkeit systamtisch auseinandergenommen wird, ernstlich überlegt, das Schreiben künftig bleiben zu lassen. Er überlegt es sich. Und bleibt beim Schreiben. Zu unserem Glück.

Wer sich von dieser unfassbar schönen, aufrichtigen und zutiefst menschlichen Geschichte berühren lässt, spürt, dass Parks’ Erwägungen zum Abbruch des Schreibens keine Masche sind, kein rhetorischer Kunstgriff, um den Leser bei der Stange zu halten, sondern eine Frage der rechten Lebensführung, die sich aus einer neuen Mitte heraus stellt.. «Ich frage mich», schreibt er im abschliessenden Kapitel, «Ich frage mich, ob es nicht reicht, regelmässig die verschlungene Glyzinie des eigenen Egos zurückzuschneiden, Jahr für Jahr, Kurs für Kurs, nicht ich, nicht ich, nicht ich.» Das klingt schon eher nach einem «mittleren Weg», wie ihn der Buddha nahelegte.

Es ist die Haltung, auf die es ankommt. Buchstäblich: Die Entspannungsübungen, der Abschied vom Dauerschmerz und die Sitzmeditation lassen Tim Parks sich recken und strecken. Er findet zum aufrechten Gang zurück und wächst mehrere Zentimeter. Und im übertragenen Sinne: "Die alten Gewohnheiten aufzugeben, die vertrauten Töpfe und Pfannen wegzuräumen. Oder Worte mit dem Leser zu teilen, wie ein Glas klares Wasser an einem heissen Sommertag. Meine Hände auf der Tastatur, Ihre auf der Buchseite. Und sich Zeit zum Atmen zu nehmen. Daran zu denken, dass wir beide körperlich anwesend sind. Jetzt.» In einem Ratgeber kämen solche Aussagen wie therapeutisches Geschwafel daher, hier sind sie Kunst.

Martin Frischknecht

Tim Parks: Die Kunst stillzusitzen. Verlag Antje Kunstmann, München 2010, 367 Seiten, Fr. 37.90.

26.09.2010

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Kommentare:

mmmhhh, schön. Was mich berührt ist, einerseits das Leben, das zwischen den Zeilen schwingt und ich eine Ahnung kriege, dass dieses Buch mir (und vielen Freunden von mir) gefallen würde. Anderseits und das ist das, was mich wirklich r i c h t i g berührt, scheint hier ein Journalist und Verleger zu sein, der sich nicht über Stagnation und Schmerz erhebt. Nein, er schreibt so etwas Differenziertes (die Stelle wo der Autor sich ernsthaft fragt, ob er aufhören muss zu schreiben) er erkennt Stagnation und Schmerz und wertschätzt es und erkennt es als das, was es wirklich ist. Dies lässt mich sehr vertrauensvoll werden gegenüber mindestens diesem Journalisten. Er scheint für mich über seine Neutralität und Kritikfähigkeit hinausgewachsen zu sein und gibt mir (uns) seine eigene Lebenserfahrung, Das bringt mich gerade jetzt hierhin und veranlasst mich, das Erfahrene in diesen dafür vorgesehenen Platz zu schreiben. Meine Finger huschen wie von selbst über die Tastatur. Danke, danke für diese Buchrezension und das gelebte Leben von mindestens zwei Männern das drin schwingt und schwingt, gegegne gerne dieser Kunst.


Beitrag von: rafhara am 13.10.2010 - 14:40

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