07.02.2012
Rückflug mit Quantenteilchen
Wenn mir ein Physiker wieder mal Geschichten aus der Wunderwelt der Quantenphysik ins Ohr raunt (oder bei der Lektüre eines entsprechenden Buches ins Auge streut), denke ich jedes Mal, dass Wissenschaftler eigentlich ein höllisches Glück haben: Sie werden ernst genommen. Egal wie verrückt das ist, was sie behaupten. Ein Esoteriker dagegen würde sofort dem allgemeinen Hohngelächter preisgegeben.
Da gibt es in der Quantenphysik zum Beispiel Teilchen, die in der Zeit rückwärts laufen. Die gefallen mir besonders, obwohl ich ja gemeint habe, dass Zeit und Raum nur in unserem Bewusstsein existieren, aber da das eine so fantastisch wie das andere ist, kommt es ja nicht darauf an. Ausserdem beherrsche ich diese Art der Zeitreise mit links, obwohl ich kein Teilchen, sondern mehr als ein einziges Teilchen bin. Aber ich will die Sache nicht komplizierter machen, als sie ohnehin ist.
Für einen Rückflug muss ich nicht mal meine Stube verlassen. Ich sitze einfach gemütlich da und schaue aus dem Fenster. Schon fliegen die hässlichen Betonmauern davon, dematerialisieren sich die Steinquader und der alte Garten steht wieder da: Mit dem riesigen Nussbaum, dem blühenden Sommerflieder (bei einer Zeitreise verändert sich natürlich auch die Jahreszeit innert Sekunden) und den gelben leuchtenden Nachtkerzen. Blindschleichen huschen durchs Gras, und schon sehe ich auch meinen verstorbenen Kater Micheli bedächtig den kleinen Weg herabkommen. Aus dem Haus gegenüber tritt ein alter Mann und geht zu den Gemüsebeeten. Wahrscheinlich holt er einen Kopfsalat für das Mittagessen.
Da kommt plötzlich ein Möbelwagen angefahren, und meine Wohnung wird völlig ausgeräumt. Zurück geht’s in fliegender Fahrt in die Wohnung, in der ich zuvor gelebt habe. Und kaum bin ich dort, geht es sofort wieder weiter, Jahrzehnte zurück, bis ich wieder als kleines Mädchen mit meinen Eltern am Tisch sitze und Tomatenkuchen (ein historischer Vorläufer der Pizza) esse. Wenn ich nicht sofort bremse, schramme ich glatt noch an meiner eigenen Geburt vorbei.
Also kehre ich um und erlebe vorübergehend, dass Vergangenheit und Gegenwart zeitgleich mein Inneres beleben können. Und völlig ohne Hilfe der Quantenphysik. Einfach nur dank meines Erinnerungsvermögens.
Das mache mir so ein Teilchen mal nach!
