01.07.2008
Kleinkrieg
Die Bombardierung begann mitten in der Nacht. Aber ich schlief und hörte nichts, obwohl es höllisch gekracht haben muss. Wenn ich schlafe, kann die Welt untergehen, und ich merke nichts davon. Es ist mir auch lieber so. Wenn die Welt schon untergeht, will ich gar nichts davon wissen. Ich gehe ja dann sowieso mit unter.
Ich entdeckte die Trümmer also erst am nächsten Morgen. Auf der Treppe, die aussen am Haus zum Keller hinunterführt, lagen zerschmetterte Blumenkistchen und kaputte Pflanzen inmitten von verstreuter Gartenerde. Ein trauriger Anblick.
Die Pflanzen hatte ich im Frühling angesät. Sie waren erst im zarten Setzlingsalter. Jetzt konnte ich die meisten von ihnen auf den Kompost werfen. Ein paar Überlebende bettete ich sorgsam um. Keine Ahnung, ob sie sich von dem Angriff jemals wieder erholen.
Waren die Russen einmarschiert? Oder die Chinesen? Waren Ausserirdische gelandet? Ach nein. Es hatte sich nur irgendein frustrierter Mensch ausgetobt. Vielleicht war er betrunken. Vielleicht war er verzweifelt. Vielleicht war er von seiner Liebsten verlassen worden. Und vielleicht war er eine sie. Auch betrunken, verzweifelt oder verlassen. Oder nichts von alledem. Es gibt schliesslich auch die pure Lust an der Zerstörung. Ohne jedes Motiv.
Gibt es das wirklich? Ich mochte nicht darüber nachdenken, denn ich war gerade dabei, ebenfalls eine pure Lust an der Zerstörung zu entwickeln, stand quasi kurz vor dem Beitritt in eine rechtsextreme Organisation und hätte den Pflanzenmörder am liebsten geteert, gefedert und gevierteilt.
Dabei huldige ich hochmoralisch der Gewaltlosigkeit. Aber am gewaltlosesten ist man, wenn einem nicht selbst Gewalt angetan wird.
Ich ging in mich. Was mich gestreift hatte, beziehungsweise meine armen Pflanzen, war ein klitzekleiner Hauch von jener enormen Gewalttätigkeit, die auf diesem Planeten herrscht. Nein, nicht ein kleiner Hauch, sondern nur der winzige Hauch eines Hauches. Wenn man es ganz genau nimmt: Fast nichts.
Wie fühlt man sich (wenn man noch etwas zu fühlen vermag), wenn Bomben aufs Haus fallen? Wenn Familienmitglieder ermordet werden? Wenn zerstört wird, was Geborgenheit vermitteln sollte?
Darum verneige ich mich voller Respekt vor jenen Menschen, die grausamste Gewalt erleiden und – trotzdem nicht mit Gewalt antworten.
