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 SPUREN Weblog von Christine Steiger
 
29.07.2008
Beschaulichkeit

Es gibt Wörter, die kommen abhanden, weil niemand mehr an ihrem Inhalt interessiert ist. Sie sind unbrauchbar geworden. Aber ein Wort will ich mir nicht nehmen lassen: Beschaulichkeit. In einer Zeit, in der wir selbst in der Freizeit auf Hochleistung getrimmt werden, muss man die Beschaulichkeit wieder beleben. Denn darin versteckt ist das Schauen. Einfach dasitzen und schauen.

Eine Staffel fliegender Ameisen setzt zum Sturm auf den Himmel an. Ein Zitronenfalter kriegt gerade noch die Kurve ums Haus. Auf der Wiese gegenüber erteilt eine Krähe ihrem Sprössling Lebenskunde. Katze Söpheli, weise wie ihr Name, lässt sich häuslich zwischen Rosmarin und Thymian nieder. Meister Micheli ist auf Droge und beisst enthusiastisch in eine Katzenminze: Macht müde Kater munter! Die beiden sind Spezialisten der «Entschleunigung», wie das heute heisst, wo die rasende Hatz zum Selbstzweck geworden ist und man allenthalben auf Show statt auf Beschaulichkeit setzt.

Ich schaue den Wolken beim Gewitterbasteln zu und gebe einer Hummel beim Anflug auf eine Nelke Landehilfe. Dann spreche ich den edlen Cousinen der wilden Winden Mut zu, es trotz ihrer Magersucht mit dem Aufblühen zu versuchen.

Ein Mäusebussard pfeift durchdringend. Ich tue es Söpheli nach und schnuppere am Thymian. Mmmh!

Da höre ich es schon grummeln: Hat die Frau eigentlich nichts zu tun? Doch. Hat. Aber die Beschaulichkeit verwandelt das «hat» in ein «hätte» und lässt es links liegen. Stattdessen öffne ich ein Buch und lese verblüfft: «Wer sich dafür entscheidet, lange zu Mittag zu essen, verzichtet auf Macht.» Gesagt hat das Niall Ferguson, ein Harvard-Professor und Bestsellerautor über amerikanische Geschichte zu jungen Beratungs-Anwärtern bei McKinsey, wo der 16-Stunden-Arbeitstag Bedingung ist. Dafür erhalten sie «Macht» (die eher auf Show beruht), viel Geld und eine enorme Beschleunigung ihrer Lebenszeit.

Da gehe ich doch lieber lange Mittag essen. Ganz beschaulich.

Christine Steigers Blog geht in die Sommerpause: Das nächste Mal lesen Sie hier einen neuen Text von ihr am Dienstag, 19. August 2008.


Autor: Christine Steiger | Profil
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