19.08.2008
Abheben und Fliegen
Ich bin auch schon besser geflogen. Zum Beispiel einmal bauchaufwärts mit den Füssen voran quer durch einen Sternenhaufen. Aber diesmal schlenkerte ich wild mit den Armen und kam trotzdem kaum vom Boden hoch. Schwankend flatterte ich einen Meter über dem Weg dahin, ein Bild des Elends, würdig einer Hundertjährigen. Und dazu murmelte ich auch noch dumpf vor mich hin: «Es geht ja. Es geht tatsächlich!»
Ich weiss nicht, warum ich nicht die Bodenhaftung verlor und hoffe nur, dass ich nicht von einem Übermass an Realitätssinn besessen bin. Das wäre mir ausgesprochen peinlich. Ich zitiere nämlich gern die Wiener Autorin Lotte Ingrisch: «Die Phantasie ist der Urknall, aus dem die Welten entstehen.» Es wäre ja schrecklich, wenn ich diesen Knall nicht mehr hätte und mich womöglich auf das Offensichtliche beschränken würde. Denn das ist mir eindeutig zu wenig.
Am fehlenden Training kann es auch nicht liegen. Ich habe jedenfalls noch nie geträumt, dass ich in einen Turnverein muss, um besser durchstarten zu können.
Muss ich künftig zu Fuss durch meine Träume gehen? So wie alte Menschen im Alltag eine Krücke brauchen? Warum beflügelt mich nichts mehr oder zumindest so wenig?
Ganz abgesehen davon, dass ich trotz des fehlenden Höhenflugs hätte merken müssen, dass ich träume. Wieder eine Chance vertan! Wäre ich mir nämlich bewusst geworden, dass ich durch das Traumland düse, hätten sich mir ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, unbekannte Erfahrungen zu machen. Aber ich? Ich mühte mich bloss ab, an Höhe zu gewinnen – statt an Selbsterkenntnis und Bewusstsein!
Das gab mir zu denken, als ich an diesem Morgen erwachte. Als ich aufstand, hüpfte ich probeweise ein wenig auf und ab. Einfach abheben und fliegen! Von mir aus auch nur knapp über dem Boden. Ich wäre es schon zufrieden.
Doch wozu eigentlich? Vielleicht ist genau die Frage nach dem «Wozu» der Bremsklotz, der mich am Boden hält. Absichtslosigkeit lässt eher abheben. Im Alltag und im Traum.
