27.08.2008
Lebenserwartung
Die Lebenserwartung ist in unseren Breiten hoch. Das ist im Grunde ein sehr zweideutiger Satz. Einerseits sagt er, dass wir lange leben, andererseits könnte es auch heissen, dass wir eine hohe Erwartung ans Leben haben. Welche Erwartung ans Leben habe ich in einem hohen Alter? Ganz sicher nicht dieselbe, die ich habe, wenn ich mit einer hohen Lebenserwartung geboren werde.
Und welche Erwartungen haben die anderen an mein Leben? Wenn ich alt bin, bestimmt keine hohen mehr. Noch bin ich durchaus erwartungsvoll, auch wenn manche Menschen bereits begonnen haben, nichts mehr von mir zu erwarten. Denn kaum hat man das Erwartete erreicht, ist dies unerwarterterweise auch nicht recht: Denn jetzt droht als Schreckgespenst die Überalterung.
Ausserdem kann auch die Erwartung eine Illusion sein. Sogar bereits bei der Geburt: Wer garantiert denn, dass ich in die errechnete Zielgerade einlaufe? Ich wundere mich über Sechzigjährige, die frohgemut verkünden, dass sie nun noch zwanzig bis dreissig Jahre vor sich haben.
Sie verwechseln die Statistik mit einer Lebensversicherung. Was wissenschaftlich erfasst wurde, steht ihnen quasi gesetzlich zu. Davon sind sie überzeugt. Und dann fallen sie aus der Statistik direkt in den Sarg. Bei gleich bleibender Lebenserwartung.
