03.09.2008
Wirksamkeiten
«Der Unterschied zwischen Vorstellung und Wirklichkeit besteht darin, dass Wirklichkeit schwächer als ihre Vorstellung ist», meint die Wiener Autorin Lotte Ingrisch («Der Geister-Knigge», Langen Müller Verlag), von der ich momentan ein Buch nach dem anderen verschlinge – auch solche, die ich bereits vor Jahren gelesen habe, was mir selten passiert. Meine literarischen Vorlieben wechseln von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.
Den Satz aber kann ich voll unterschreiben, weil ich überhaupt nur aus Vorstellungen bestehe, an die keine Wirklichkeit herankommt. Vor allem in Sachen Horrorvorstellungen bin ich eine Meisterin meines Fachs. Man könnte sagen, ich lebe ein ungeheuer aufregendes Leben, obwohl gar nicht viel passiert. Es reicht mir völlig, mir vorzustellen, was alles passieren könnte – und rundum tatsächlich passiert! Nur ich lebe quasi im Auge des Hurrikans und sehe fassungslos zu, welche Schicksalsschläge auf andere herabprasseln. Und dann staune ich, wie diese Menschen ihr Schicksal tragen. Ob deswegen, «weil die Wirklichkeit schwächer als ihre Vorstellung ist»? Oder vielleicht braucht man auch keine Vorstellungen mehr, wenn man in der Wirklichkeit drin steckt. Man ist sozusagen voll mit der Realität beschäftigt.
Aber im Grunde weiss ich ja gar nicht, wie stark oder schwach Wirklichkeiten auf andere wirken. Ich weiss nur, was die Vorstellungen mit mir machen. Sie drehen mir den Magen um, jagen den Blutdruck rauf und tanzen in meinem Kopf Tango. Notabene ungeheuer wirklich!
Können Sie sich das vorstellen? Und wenn ja, wie stark?
