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 SPUREN Weblog von Christine Steiger
 
09.09.2008
Verordnete Verantwortung

Schlagworte haben es in sich, weil sie tatsächlich manchmal jemanden erschlagen. Wenn sie sich besonders tugendhaft geben, können sie die Sprengkraft von Bomben haben. Die institutionellen Religionen haben das Jahrhunderte lang vorexerziert und im Namen des Heils Unheil angerichtet.

Dann kam eine Zeit, in der man die grossen Worte skeptisch unter die Lupe nahm. Jedes Pathos war suspekt, weil es so oft in Marschmusik übergegangen war.

Heute sind wir raffinierter geworden. Die Worte werden nur noch sacht verdreht, um ihnen ihre Bedeutung zu nehmen. «Verantwortung» ist ein solcher Begriff. Er wird jetzt gern nur noch als «Selbstverantwortung» benutzt. Und Selbstverantwortung ist zweifellos eine gute Sache. Es heisst, dass wir verantwortungsvoll mit uns selbst umgehen. Allerdings sonst mit niemandem mehr. Denn alle anderen sind ja auch für sich selbst verantwortlich. Und das heisst übersetzt: Selber schuld, wenn es dir schlecht geht! Wahrscheinlich hast du an deinem Glück nicht genug geschmiedet.

Die Arbeitslosen haben ihre Arbeit also freiwillig aufgegeben, die Armen ihren potentiellen Reichtum verschleudert. Heute ist es Pflicht, die Schuld am eigenen Unglück gefälligst bei sich selbst zu suchen. Würde man aber die Ursachen woanders suchen, spräche man der Selbstverantwortung die Macht ab und würde Tätern wieder eine Verantwortung zuteilen, die über das eigene Wohl hinausgeht.

Ein gutes Beispiel sind die neuesten Erklärungen an einer Tagung über Krebs: Hauptursache für diese Erkrankung, so wird nun plötzlich verkündet, sind fehlende Bewegung und falsche Ernährung. Mit anderen Worten: Die Verantwortungslosen bekommen Krebs. Sie haben zu wenig geturnt und zuviel Kuchen gegessen.

Vom Gift in den Lebensmitteln, von Umweltverschmutzung und anderen Faktoren, auf die der Einzelne keinen Einfluss hat, ist nicht mehr die Rede. Das gibt Giftmischern und Schmutzfinken freie Hand. Sie sind ihre Verantwortung ja losgeworden.

Darum horche ich immer auf, wenn jemand mehr «Selbstverantwortung» fordert. Zu oft steckt ein gerüttelt Mass an Verantwortungslosigkeit dahinter.


Autor: Christine Steiger | Profil
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