15.10.2008
Sonniger Sachzwang
Eigentlich sollte ich dringend … Nein, sagt die Sonne und strahlt angenehm warm auf mich runter, du wirst diesen schönen Herbsttag doch nicht vertun? Vertun? Hübsches Wort. Es bedeutet, dass das Tun auch überflüssig sein kann. Also bleibe ich auf der Veranda sitzen und betrachte eine feuerrote Nelke, die im Wind hin und her schaukelt.
Eigentlich sollte ich dringend … Die Spatzen, die auf den Holunderzweigen wippen, lachen mich aus: «Gleich verschwindest du wieder in deiner dunklen Wohnhöhle!» Also bleibe ich sitzen. Die Arbeit hat Zeit.
Eigentlich sollte ich dringend … Doch was ist schon wirklich dringend? Also bleibe ich sitzen. Ich kann ja ein bisschen nachdenken, legitimiere ich meine Untätigkeit. Schlimm genug, dass viele Menschen gar nicht mehr dazu kommen. Mein Hirn möchte aber auch nicht nachdenken. Besonders nicht über einen Blog, dessen Buchstaben im abgedunkelten Zimmer dem Computer eingelöffelt werden müssen. Und überhaupt: Bald ist Weihnachten! Kälte! Die blumenlose, die schreckliche Zeit.
Also bleibe ich sitzen und schaue verträumt ins Grüne. Nur die Fliegen halten sich fit. Aber es nützt ihnen gar nichts. Sie leben deswegen keine Sekunde länger. Ein Nachtfalter legt sich im Türrahmen schlafen. Bleibt die Türe halt offen. Aber wenn die Türe offen bleiben muss, kann ich sie auch nicht hinter mir schliessen, um all das zu erledigen, was ich dringend tun müsste.
Also bleibe ich sitzen. Weit kommt man auf diese Weise natürlich nicht. Ich kann nichts dafür. Es ist ein Sachzwang. Ein sonniger Sachzwang.
Aber was ist denn das? Eine Wolke dräut. Kurz darauf fallen die ersten Tropfen.
Darum sitze ich jetzt am Computer. Rein wetterbedingt.
