19.11.2008
November-Schmöker
Draussen wabert der Nebel fast ebenso stark wie in dem Roman, in den ich tagelang abgetaucht bin. Zwar sass mein Körper noch auf einem Stuhl, das Buch lag vor mir auf dem Schoss – aber ich war weg, und zwar so gründlich, dass ich wie schlafwandelnd ass, die Katzen fütterte, Telefongespräche annahm (was wurde mir da mitgeteilt? Keine Ahnung.) und zwischendurch ins Bett ging. In Wirklichkeit hetzte ich durch die 740 Seiten des Bestsellers von Kate Mosse «Die achte Karte» (Droemer Verlag), der gerade frisch ins Deutsche übersetzt wurde. Bei der achten Karte handelt es sich um «Die Kraft» aus einem Tarot-Deck, das eine gespenstische Rolle in dieser atmosphärisch dichten Geschichte spielt, die mal Ende des 19., dann wieder in unserem Jahrhundert angesiedelt ist, wobei die Zeiten wundersam ineinander verwoben sind.
Und wie sie schon anfängt! «Diese Geschichte beginnt in einer Knochenstadt. In den Gassen der Toten. Auf den stillen Boulevards, Promenaden und Sackgassen des Cimetière de Montmartre in Paris, einem Ort, bevölkert von Grabmälern und steinernen Engeln und den zaudernden Geistern derjenigen, die schon vergessen wurden, noch ehe sie in ihren Gräbern erkalteten.»
Eine junge Frau sucht nach ihren Vorfahren und gerät in einen historischen Krimi, der aber darüber hinaus in eine irrationale Dimension weist, in der die Dämonen umgehen beziehungsweise Menschengestalt annehmen.
Die Kunst der Autorin, die bereits mit ihrem Bestseller «Das verlorene Labyrinth» bekannt wurde, besteht darin, Schauplätze so zum Leben zu erwecken, dass man das Gefühl bekommt, quasi «ausserkörperlich» in ihnen unterwegs zu sein. Mit minimen Andeutungen erzeugt sie eine ungeheure Spannung. Zum Beispiel so: «Die Stunden verstrichen. Sie schlief. Das Haus versank Zimmer für Zimmer in Stille. Eine Kerze nach der anderen wurde gelöscht. Jenseits der grauen Mauern lagen die Gärten, die Rasenflächen, der See, der Buchenwald ruhig unter einem weissen Mond. Alles war still. Und dennoch.»
Natürlich bestehen die Elemente aus Versatzstücken von Gruselgeschichten und Liebesromanzen, gewürzt mit einer Prise Kitsch. Es handelt es sich eben um einen richtigen Schmöker. Und dennoch …
