25.11.2008
Etikettenschwindel
Ich finde es für unsere Zeit bezeichnend, dass es einen «Verhüllungskünstler» wie Christo gibt: Verpackung, die nicht mehr auf den Inhalt verweist, sondern ihn unsichtbar macht. Dabei übersieht man allerdings, dass diese Kunst auch im Alltag sehr verbreitet ist. Ein Genie dieser Zunft ist ein anonymer Meister, der deutsche Supermärkte mit Erdbeerkonfitüre beliefert. Die einzige Erdbeere, die diese Konfitüre enthält, befindet sich nämlich auf dem Etikett: Rot und prall. Das Glas selbst enthält chinesische Lychees, Orangenschalen, versetzt mit roter Farbe und Aromastoff. Erdbeeraroma versteht sich!
Das Etikett weist völlig korrekt einen «Fruchtanteil» aus. Nur besteht dieser Fruchtanteil aus den billigen und neutral schmeckenden Lychees und nicht aus Erdbeeren. Der Preis für das köstliche aber keineswegs kostbare Produkt ist entsprechend niedrig. Und darauf kommt es vielen Konsumenten an. Sie wollen mehr haben als geben.
Jetzt fragt sich nur: Wer betrügt hier wen? Der Hersteller den Käufer oder der Käufer die Hersteller von teurer aber echter Erdbeerkonfitüre, indem sie das billige Ersatzprodukt bevorzugen? Oder beide?
Und ist dieser Etikettenschwindel nur auf Konfitüre beschränkt? Statt Enthüllungsjournalismus gibt es Verhüllungsjournalismus oder Blätter, für die man zwar nichts mehr hinblättern muss, aber kaum mehr etwas erhält. Die Politiker «deklarieren» Problemlösungen, die nur aus heisser Luft bestehen. Und auch die Banken verkauften «Pakete», die offenbar mehr «Aromastoffe» als wirkliche Werte enthielten. Wissen wir überhaupt noch, was wir eigentlich kaufen? Und wissen es eigentlich die Verkäufer?
Wenn Sie ganz sicher sein wollen, Erdbeerkonfitüre aufs Brot zu streichen, machen Sie am besten selber welche. Dann brauchen sie nicht mal ein buntes Etikett. Denn die Erdbeere aus Papier können Sie getrost weglassen. Samt Farbstoffen und Aromen.
