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 SPUREN Weblog von Christine Steiger
 
15.12.2008
Frohes Zaubern, oben wie unten

In jedem Buch, das auch nur mit einem Hauch Esoterik imprägniert ist, findet man die gute alte Zauberformel: «Wie oben, so unten.» Allerdings ist sie nicht nur grausam verkürzt, sondern auch völlig entzaubert und bedeutet höchstens noch soviel wie: Wie im Grossen, so im Kleinen, wie im Markokosmos so im Mikrokosmos. Aha. Ja und?

Man könnte die Bedeutung natürlich ausweiten, um sie möglicherweise doch noch ein wenig bedeutsamer werden zu lassen: Wie im Jenseits, so im Diesseits. Oder biblischer: Wie im Himmel also auch auf Erden. Aber letzteres ist natürlich auch wieder eine Verkürzung. Im «Vaterunser» heisst es nämlich: «Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden.»

Und wie steht es da mit unserer alten Zauberformel? Etwas ausführlicher liest sie sich – in der Übersetzung des Schweizer Alchemisten Titus Burckhardt – so: «In Wahrheit, gewiss und ohne Zweifel: Das Untere ist gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Unteren, zu wirken die Wunder eines Dinges.» Das tönt doch schon ganz anders und geht über die simple Feststellung irgendwelcher Entsprechungen hinaus: Die Zauberformel will echte Wunder vollbringen!

Aber wer redet denn da so geschwollen? Der geheimnisvolle Text wird Hermes Trismegistos, dem Ahnvater der Alchemie, zugeschrieben, von dem man nicht recht weiss, ob es sich bei ihm um einen alten ägyptischen Gott, eine Sagengestalt oder einen weisen Eingeweihten handelte. Die Zeilen sollen auf einer Smaragdtafel, der «Tabula Smaragdina», eingraviert gewesen sein. Die ist allerdings auch unauffindbar. Trotzdem wurde diese Formel seit Jahrhunderten überliefert, bis sie zu einem Slogan mutierte, der heute in aller Munde ist.

Darum möchte ich hier mal den vollständigen Text zitieren:
«In Wahrheit, gewiss und ohne Zweifel: Das Untere ist gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Unteren, zu wirken die Wunder eines Dinges. So wie alle Dinge aus Einem und durch die Betrachtung eines Einzigen hervorgegangen sind, so werden auch alle Dinge aus diesem Einen durch Abwandlung geboren. Sein Vater ist die Sonne, und seine Mutter ist der Mond. Der Wind trug es in seinem Bauche, und seine Amme ist die Erde. Es ist der Vater aller Wunderwerke der ganzen Welt. Seine Kraft ist vollkommen, wenn es in Erde verwandelt wird. Scheide die Erde vom Feuer und das Feine vom Groben, sanft und mit grosser Vorsicht. Es steigt von der Erde zum Himmel empor und kehrt von dort zur Erde zurück, auf dass es die Kraft des Oberen und des Unteren empfange. So wirst du das Licht der ganzen Welt besitzen, und alle Finsternis wird von dir weichen. Das ist die Kraft aller Kräfte, denn sie siegt über alles Feine und durchdringt alles Feste. Also wird die kleine Welt nach dem Vorbild der grossen Welt erschaffen. Daher und auf diese Weise werden wunderbare Anwendungen bewirkt. Und darum werde ich Hermes Trismegistos genannt, denn ich besitze die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt. Vollendet ist das, was ich vom Werk der Sonne gesagt habe.»

Alles verstanden? Dann wünsche ich frohes Zaubern!


Autor: Christine Steiger | Profil
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