24.12.2008
Gutmenschen
Wahrscheinlich gibt es nichts Gefährlicheres auf dieser Welt, als ein guter Mensch zu sein. Nichts Anrüchiges an sich zu haben oder es zumindest nicht auszuleben, macht verdächtig. Als ob einem Menschen, der sich besonders menschlich verhält, in Tat und Wahrheit etwas Unmenschliches anhaften würde. Es fehlt ihm das Fehlerhafte, eine Prise Bosheit, Untugenden, in denen wir uns wieder erkennen könnten. Ein «Gutmensch» ist darum ein Schimpfwort, ein «Schlitzohr» dagegen schon fast ein liebevolles Kompliment.
Immerhin werden Gutmenschen heutzutage nicht umgebracht, sondern höchstens der Lächerlichkeit preisgegeben. Letzteres, sagt man, sei allerdings auch tödlich. Aber es gab mal eine Zeit, da die «bons hommes», wie sie sich in Südfrankreich nannten, zu Tausenden niedergemetzelt wurden. Es waren christliche Sekten wie die Katharer, die im 13.Jahrhundert eine radikale Frömmigkeit lebten, die der katholischen Kirche ein Dorn im Auge war. In Kreuzzügen von unendlicher Grausamkeit wurden sie ausgerottet und den Überlebenden ein gelbes Kreuz auf die Kleider genäht. Ähnliches wiederholte sich im gelben Judenstern während der Nazizeit. Es ist, als ob immer dieselben Verfolger und Verfolgten wiederkehrten und in neuen Kostümen das alte Stück aufführten.
Seither vermute ich in jedem, der Gutmenschen diffamiert, einen reinkarnierten Inquisitor.
Aber immer wieder werden auch Kinder geboren, die vielleicht neue Hoffnungen in die Welt tragen – bons hommes der Zukunft.
