06.01.2009
Astro-Desaster
Wissen Sie, was «Desaster» wörtlich bedeutet? Unstern! Und immer zum Jahreswechsel stehen die Astrologen unter diesem Unstern und werden in den Medien mit Hohn und Spott übergossen, weil ihre Voraussagen nicht eingetroffen sind oder weil sie die Prognosen für die einzelnen Tierkreiszeichen zu allgemein formulieren. Zu diesem Thema können ja auch alle mitreden – vor allem diejenigen, die sich nie mit Astrologie befasst haben. Es ist für die Kritiker ohnehin sonnenklar: «Sterndeutung ist Quatsch. Hahaha! Wie sollen denn Planeten, die soweit weg von der Erde im All schweben, das Schicksal des einzelnen Menschen beeinflussen? So ein Blödsinn. Zum totlachen.»
Wenn ich das höre, muss ich gähnen. Kein ernstzunehmender Astrologe behauptet, dass die Planeten das Schicksal eines Menschen beeinflussen. Das wäre ungefähr so, als ob man sagen würde, das Barometer beeinflusse das Wetter. Notabene haben auch die Meteorologen Mühe, das Wetter immer genau vorauszusagen. Ihre Materie ist nämlich enorm komplex. Aber diese Komplexität spricht man der Astrologie ab. Sie ist auch von anderer Art – sie drückt sich nämlich in der Sprache der Symbole aus. Und diese Sprache ist uns fremder als jede Fremdsprache. Eindeutigkeit kennt sie nicht – dafür eine Mehrdeutigkeit (darum ist sie auch eine Deutungskunst), die es erlaubt, in scheinbar unzusammenhängenden Phänomenen ein gemeinsames Thema zu finden. Will man nun eine eindeutige Aussage, versimpelt man quasi ein «Gedicht» zu einer «Schlagzeile». Aber genau das wird erwartet: Konkrete «Ereignisse» statt eine Beschreibung von «Qualitäten» einer bestimmten Zeit.
Ich persönlich bin froh darüber, dass kein Astrologe sagen kann (obwohl es Scharlatane gibt, die genau das tun): Am 27.Januar 2009 begegnet Anna Huber um 17.15 Uhr in der Migros ihrem künftigen Ehemann, von dem sie sich am 18.April 2012 um 16.20 Uhr wieder scheiden lässt. Oder schlimmer: Heute ist der Tag, an dem Sie sich Ihr Bein brechen! Oder was ähnliche Scheusslichkeiten sind.
Stattdessen müsste es heissen: Am 27.Januar neigt Anna Huber dazu, die Schönheiten im Leben wahrzunehmen. Möglich, dass sie im Überschwang zuviel Geld ausgibt. Möglich, dass sie sich in ein Kleid verliebt, das sie unbedingt haben möchte. Möglich auch, dass sie einem Menschen begegnet, den sie schöner sieht, als er ist. Vielleicht singt sie auch nur ein fröhliches Lied und jemand klatscht Beifall. Oder sie beginnt, eine Liebesgeschichte zu schreiben. Die Reihe liesse sich unendlich fortsetzen. Picke ich etwas davon heraus, ist die Trefferquote reiner Glücksfall.
Wozu dann überhaupt eine Prognose? Ach, das ist vielleicht ähnlich wie beim Wetter. Man kann sich warm anziehen, wenn es kalt wird oder einen Schirm mitnehmen, wenn Regen droht.
Ich persönlich liebe an der Astrologie, dass sie mir hilft, mich selbst besser zu verstehen. Aber Selbsterkenntnis ist bedeutend weniger gefragt als ein «Fahrplan» durch das Jahr.
