13.01.2009
Naturschauspiel im Garten
«Ja, hallo!». rief ich überrascht, als ich bei meiner Heimkehr zwei Mäusebussarde auf dem Holunder in meinem kleinen Garten antraf. An wildem Getier tummeln sich dort gemeinhin nur Mäuse, Krähen, Elstern, Amseln, Ameisen sowie ein paar Millionen Untergrundarbeiter wie Mikroben und ähnliche Winzlinge.
Einem der beiden Mäusebussarde ging mein Gruss auch prompt zu nah. Er entfloh fliegenden Flügels. Der andere blieb sitzen und blinzelte mir zu. Ich ging ins Haus und betrachtete meinen Gast durchs Fenster. Mit mir staunten meine Katzen, bis Söpheli vom Jagdtrieb überwältigt ins Freie stürzte und das überdimensionale Poulet bäuchlings anschlich. Sie robbte durch den Garten und sprang auf den Holunder, rauf auf den Zweig, auf dem der Mäusebussard sass. Der Vogel blieb ruhig sitzen, aber ich sprang entsetzt auf und stürzte ebenfalls hinaus, weil ich nicht wusste, wer hier für wen den Braten abgeben würde. Katze und Mäusebussard sassen nebeneinander und schauten mir zu, wie ich mit dem Besen fuchtelte – sozusagen die fleischgewordene Zivilisation im Kampf mit der Wildnis. Söpheli trat schliesslich den Rückzug an, und da stand ich nun, den Besen in der Hand in der eisigen Kälte und bewachte einen Mäusebussard vor der Katze oder die Katze vor dem Mäusebussard. Der Katze wurde es schliesslich langweilig. Frustriert rannte sie ins Haus zurück, um den grössten Braten ihres Lebens geprellt, während ich hinter ihr her rannte und schnell alle Ausgänge verschloss.
Der Mäusebussard blieb sitzen, wo er war. Irgendwas konnte mit ihm nicht stimmen. Darum rief ich den Wildhüter an. Kein Wildhüter da – das Wild hütet man ja schliesslich auch nicht zu Hause. Dann rief ich den stellvertretenden Wildhüter an. Auch nicht da. Darauf starrten wir zu Dritt wieder aus dem Fenster – Micheli, Söpheli und ich. Der Mäusebussard scherte sich nicht darum.
Schliesslich – nach über einer Stunde – rief einer der Wildhüter zurück. Ja, da müsse er halt aus der Stadt kommen. Gut und gern dreissig Minuten Autofahrt. Kaum hatte ich aufgelegt, war der Mäusebussard weg. Geschwächt von Hunger hatte er vermutlich erst Kraft tanken müssen, um fliegen zu können.
Ich aber wurde mir wieder mal bewusst, in welch «luxuriösem» Land ich lebe. Selbst Raubvögel in Not bekommen Hilfe. Das gefällt mir sehr, auch wenn es gegen die Natur ist, die wenig mitfühlend mit ihren Geschöpfen umgeht.
Und «natürlich» wünsche ich auch den Menschen hier und anderswo «Hüter», die ihnen zu Hilfe kommen, wenn es nötig ist. Auch wenn die Gesellschaft, in der sie leben, oft wenig mitfühlend mit ihren Verlierern umgeht und sie am liebsten ihrem Schicksal überlassen würde.
