20.01.2009
Gesetzesbrecher
Zugegeben: Ich schaue im Fernsehen gern Krimis. Der Grund dafür ist sicher was Karmisches. Vielleicht war ich in einem früheren Leben Giftmischerin oder Seeräuber. Ersteres halte ich eher für unwahrscheinlich, weil ich so gerne gut esse, aber bei letzterem liegt der Verdacht nahe, weil mein Lieblingsfluch (darf man überhaupt einen Lieblingsfluch haben?) «Heiliger Klabautermann!» ist. Der Klabautermann schwamm im Kielwasser von Schiffen, wenn sie dem Untergang geweiht waren, und lachte laut. Soviel zu meiner kriminellen Vergangenheit.
Bei den Fernsehkrimis hatte ich jahrzehntelang einen Hang zu älteren Ordnungshütern: Derrick, Maigret und «der Alte». Sie guckten so melancholisch, wenn sie die Verbrecher verhafteten, aber verhaften taten sie die Verbrecher trotzdem. Sie waren durch und durch integere und gesetzestreue Mannen. Ich fürchte, das ist bald vorbei. Das heisst, es kommt immer häufiger vor, dass die Ordnungshüter selbst ordnungswidrige Taten begehen. Einer liess sich mit der Hauptverdächtigen, einer geistig behinderten Minderjährigen, auf eine Liebesbeziehung ein, ein anderer schlug einen Verhafteten in Handschellen, weil dieser die eigene Tochter bedroht hatte. Es gab schon Polizisten, die grosszügig Straftäter laufen liessen – vermutlich weil sie von der Trauer über die bevorstehende Verhaftung überwältigt wurden, was ihren Vorgängern niemals passiert wäre, oder sie schauen kurz weg, wenn wieder etwas Illegales passiert. Wieder andere gehen bei der Verbrecherjagd illegal über die Grenze und fahnden einfach im Ausland weiter.
Das finde ich interessant. Denn in meinen Augen spiegeln Fernsehkrimis den Zeitgeist. Wenn sich also Fernsehpolizisten immer weniger gesetzeskonform verhalten, ist dies ein schleichender Gewöhnungsprozess für die Zuschauer. Dann wundern sie sich mit der Zeit auch im wirklichen Leben nicht mehr, wenn Polizisten Gesetze übertreten. Zwar enthalten die Plots oft auch sozialkritische Themen, aber immer häufiger ersetzen Hektik und blindwütiger Aktionismus seitens der Ermittler eine nachvollziehbare Story. Die Handlung ist manchmal so konfus, dass ich als Zuschauerin gar nicht mehr weiss, worum es eigentlich geht. (Oder liegt das an meiner eigenen Vergreisung?) Waren die «Alten» abgeklärt, sind ihre Nachfolger vorwiegend aufgeregt. Es gibt übrigens dafür ein neues Wort: «Alarmismus». Was soviel heissen soll wie: Viel Lärm um nichts.
Soll ich besser keine Krimis mehr schauen? Das wäre vermutlich löblich. Vielleicht wechsle ich ins Kinderprogramm. Dort wird es doch hoffentlich noch mit rechten Dingen zugehen.
