27.01.2009
Ein Virus namens Ehrgeiz
Immer dann, wenn ich schlapp mache, wenn gar nichts mehr geht, wenn der Hals schmerzt, die Nase trieft und die Stimme krächzt, dann – immer erst dann! – erwacht in mir ein ungeheurer Ehrgeiz.
So scharf wie mit tränenden Augen erkenne ich sonst nie, was unbedingt zu tun wäre. Am liebsten würde ich mein ganzes Leben von Grund auf verändern, morgens um fünf aus dem Bett springen, um frohgemut zu turnen, die Wohnung zu putzen, zu joggen (das darf doch nicht wahr sein!) und anschliessend nonstop zu arbeiten.
Es muss sich um eine Art Überlebensreaktion meines Körpers handeln, der die letzten Kräfte aktivieren will. Anders kann ich mir meinen merkwürdigen Gesinnungswandel nicht erklären. Statt Ruhe zu geben, wenn Ruhe wirklich erforderlich wäre, lasse ich den Blick schweifen und überlege, was ich sofort renovieren werde. Die Fenster müssen geputzt, die Vorhänge gewaschen und das angefangene Buch im Affentempo zu Ende geschrieben werden. Dazwischen immer wieder einige Turnübungen.
Zu meinem Glück bin ich tatsächlich so morsch, dass ich nichts davon in die Tat umsetzen kann, was mich mit Sicherheit vor einem Hexenschuss bewahrt.
Aber ich leide. Ich leide enorm. Denn in mir sehnt sich alles nach einem Höhenflug der Vitalität, nach Leistungssteigerung und effizientem Tatendrang.
Kaum bin ich jedoch gesund, ist alles wieder verpufft, und ich kehre in mein geruhsames und besinnliches Leben zurück. Nachdenken und Sinnieren sind meine bevorzugten Sportarten.
Seither habe ich die ehrgeizigen Karrieristen in Verdacht, von einem gefährlichen Virus befallen zu sein, der sie und unser Wirtschaftssystem geradewegs in den Zusammenbruch treibt. Vielleicht sollten sie sich lieber mal eine Auszeit nehmen und ein wenig nachdenken, damit unsere Welt wieder gesundet.
