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 SPUREN Weblog von Christine Steiger
 
03.02.2009
Zeit der Kunstblumen

Manchmal kulminiert die Abstrusität unserer Zeit in ein reines Kabarettprogramm: Da sass ich auf einem Plastikstuhl an einem billigen Spanplattentisch, vor mir eine Tasse Kaffee, und knübelte an meinem Kaffeerahm-Plastikbehälter herum, bis mein Blick plötzlich auf das bunte Bildchen des Deckels fiel: Ein wundersames golden verziertes Porzellangefäss war darauf abgebildet, ein edles Meisterwerk des 18.Jahrhunderts, aus dem unsere Altvorderen etwas Wärmendes zu schlürfen pflegten.

Die goldenen Ränder jener feinen Tasse, deren hauchdünne Zerbrechlichkeit man fast sinnlich zu spüren glaubt, umfassten eine geblümte Idylle in allen Farben.

Ich sass da, mein Plastikmonstrum in den Händen, vor mir eine dickwandige, garantiert unzerbrechliche Tasse, auf die in braunweissen Tönen stilisierte Normblumen gestanzt waren, und starrte inmitten zeitgenössischer Unkultur auf eine kulturelle Vergangenheit: Ich blickte auf eine künstlerisch gestaltete Blumenwelt und befand mich gleichzeitig inmitten von Kunstblumen, die mit Kunst nichts mehr gemein hatten. Nicht nur auf meiner Tasse! Oh nein! Ich war ringsum eingekreist von Plastiknatur, wie sie heutzutage zuhauf ins Kraut schiesst.

Ein Blick nach rechts: Der Blumentopf auf dem Nachbartisch war umgekippt, aber das machte nichts. Es konnte ohnehin kein Wasser ausfliessen, keine Erde herausrieseln, und die Tulpen blühten stoisch weiter. Sie taten sowieso nur so als ob: Plastik. Der Topf tat auch so als ob: Er gab vor, ein Holzkübel zu sein, dabei bestand er aus Tulpe, ich meine natürlich aus Plastik. Es ist gehupft wie gesprungen.

Eigentlich wäre jetzt genau die richtige Jahreszeit für eine ganz andere Art von Kunstblumen, aber die gibt es längst nicht mehr, und kein Naturschutzbund hat sie auf die Liste der aussterbenden Arten gesetzt. Ich meine die Eisblumen, von denen keine gleich ist wie die andere: Kunstblumen des Himmels, in eiskalten Monaten ans Fenster geklebt. Strukturen des Winters in graphisch vollendeter Anmut.

Nichts mehr davon! Stattdessen tun sogar die echten Blumen so, als wären sie aus Plastik. Zu Tausenden marschieren sie in jedem Selbstbedienungsladen auf: Knallrote, knatschgelbe oder widerlich purpurne Primeln mit Blüten wie Wagenräder, auf dass sie sich in dem überquellenden grellbunten Sortiment behaupten könne. So was käme mir nie in den Garten! Ganz abgesehen davon, dass diese Hochstapler in hundskommuner Erde prompt schrumpfen oder gar eingehen. Sie sind zum vornherein auf Verderben und Verdorren programmiert. Produkte der Natur, die zwar nicht aus Plastik, aber trotzdem Kunst-Blumen der schlimmsten Art sind.

Und doch: Manchmal kann man bereits den nahenden Frühling riechen. Den echten, garantiert unverfälschten! Die Vögel spüren ihn auch und setzen schon mal zwischendurch eine Gesangsstunde an. Hin und wieder entdecke ich sogar ein Schneeglöckchen: sehr klein, sehr fein und zerbrechlich, in einem Weiss, das mich an irgendetwas erinnert. Was war das nur? Ach ja! Diese Porzellantasse des 18.Jahrhunderts, deren Bild meinen Kaffeerahmbehälter zierte, an jenem Tag, als ich auf einem Plastikstuhl an einem Spanplattentisch sass – in jener Zeit der Kunstblumen, die hoffentlich bald dem Frühling weicht.


Autor: Christine Steiger | Profil
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