17.02.2009
Von nah und fern
So hell war es in meinem Stübchen noch nie. Und die Sonne ist nicht der Grund dafür. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich bloss noch Wüste. Ein über hundertjähriger Garten wurde platt gewalzt: Totaler Kahlschlag. Bäume weg, Sträucher weg, Gartenzaun weg. Auch der kleine Jakobsweg ist verschwunden. Er hiess so, weil ihn mein längst verstorbener Kater Jakobli anlegte, indem er immer denselben Pfad entlang beinelte. Später wurde der Trampelpfad von seinen Nachfolgern übernommen. Er führte durch ein Loch im Hag den Hang hinauf durch die Wiese direkt in die Büsche. Da kommt jetzt eine Tiefgarage hin, dahinter wird ein Block gebaut, und dann gibt’s noch einige Parkplätze. Autos und Menschen brauchen viel Beton.
Ich trauere dem riesigen Nussbaum nach, der Jahrzehnte brauchte, um so gross zu werden, aber in wenigen Minuten zu Fall gebracht war. Gleichzeitig wird mir wieder mal bewusst, wie wenig weit unsere Gefühle reichen. Das Abholzen der Regenwälder erweckt zwar meinen Zorn, aber es ist ein «abstrakter» Zorn, der meine Gefühle kalt lässt. Kein Regenwald geht mir halt so «nah» wie der abgeholzte Nussbaum gegenüber. Sein Tod treibt mir die Tränen in die Augen.
Wir sind nur für kleine Dimensionen gemacht. Wenn Polkappen schmelzen, Tierarten aussterben und ein Klimawandel droht, übersteigt dies schlicht unser Vorstellungsvermögen: Es liegt uns «fern». Wenn ein kleiner uralter, von Kletterrosen und Clematis überwachsener Schuppen zusammengeschlagen wird, wirkt das auf mich deshalb gewalttätiger als der Krieg im Irak. Es geht mir einfach sehr nah.
Wir können offenbar höchstens bis Drei zählen, und manche nicht mal das. Erst, wenn die Wüste direkt vor dem eigenen Fenster beginnt, fahren wir erschrocken hoch. Emotionen bringen uns in die Sätze, Wissen dagegen bewegt nichts. Wir müssen uns zuerst rühren und berühren lassen. Statt Fernsehen Fernfühlen? Aber das wäre erst recht zum Heulen. Also lassen wir die Welt lieber nicht zu nah an uns heran.
