10.03.2009
Baggern
Vor meinem Fenster steht Cat und gibt unglaubliche Töne von sich. Ein fremder Kater? Nein, so heisst ein Bagger. Er baggert, was das Zeug hält, zertrümmert ganze Felsen und lässt das Haus vibrieren.
«Wie aussen, so innen», seufze ich. Denn auch in meinem Mund wird gebaggert. Der Zahnarzt setzt den Bohrer an, sprengt das alte Amalgam heraus, und ich sinniere frustriert, was mir das alles sagen will. Soviel geballte Bohrer-Symbolik hält ja kein Mensch aus.
Psychotherapeuten raten heute gerne, einfach aus der Opferrolle auszusteigen. Aber wie geht das? Muss ich nun selbst zum Bohrer werden und zu baggern anfangen? Und wo? Soll ich den Zahnarzt anbaggern oder mir selber bohrende Fragen stellen? Über das Aufbrechen alter Verkrustungen, die Vergänglichkeit wohnlicher Geborgenheit und des Lebens überhaupt? Oder doch eher über die Zerstörung der Landschaft und die Betongeschwüre unserer Zeit? Soll ich dem Zahnarzt den Bohrer entreissen, mich auf den Bagger schwingen und meinerseits Löcher in die Landschaft reissen?
Es ist gar nicht so leicht, die Seiten zu wechseln. Dazu müsste ich glatt das Geschlecht, den Beruf und womöglich noch mein ganzes Leben verändern. Darum befürchte ich, dass ich in meiner Opferrolle bleibe und einfach hasenfüssig die Flucht ergreife. Völlig therapieresistent.
