24.03.2009
Paradigmenwechsel
Mein Kater ist gemeinhin mein Vorbild. Darum nenne ich ihn auch Meister Micheli. Er ist die Ruhe selbst. Gelassen schreitet er fürbass. Er weiss immer, wo’s lang geht. Letzteres brachte ihn nun doch aus dem Tritt. Die Treppe, die er runter zu gehen pflegt, wenn er aus seinen Jagdgründen heimkehrt, ist nämlich weg. Abgerissen. An ihrer Stelle dräut ein Abgrund, na sagen wir ein Steilhang und unten dran ein Graben voller Wasser. Daneben wird gebaggert.
Der Meister aber besitzt äusserst gefestigte Überzeugungen. Und so stand der Kater hoch oben über dem Abgrund und schrie laut nach seiner Treppe. Stur wie ein Banker hielt er an seinem gewohnten Weltbild fest, obwohl es längst überholt war. Unbelehrbar setzte er einfach seinen Weg wie gewohnt fort. Halt ohne Treppe. Als Schwergewichtiger kam er dabei gewaltig ins Rutschen und löste schier eine Gerölllawine aus, während ich händeringend bereit stand, um ihn notfalls aus dem Wassergraben zu fischen.
Seine Freundin Söpheli ist da ganz anders. Als die ersten Bagger auffuhren, geriet sie in Panik, schaufelte sämtliche Bücher aus dem untersten Regal und versteckte sich im hintersten Winkel. Mit der Zeit wurde ihr das zu langweilig. Sie wagte sich wieder ins Freie, erkundete vorsichtig die neue Lage, umschlich die Bagger in weitem Umkreis und passte sich der neuen Situation an. Mittlerweile kommt sie draussen wieder klar und überfliegt jeden Graben, als hätte sie Flügel.
Meister Micheli und die weise Sophia: Fragt sich nur noch, in welchen Fällen wer von beiden mein Vorbild sein soll.
