31.03.2009
Entgeisterte Erdgeister
Ich habe meine eigenen Ratgeber: Orakel mannigfaltigster Art. Für jede Lebenslage ein anderes Nachschlagewerk. Von Tarotdecks in verschiedenen Ausführungen bis zum I Ging, dessen - auch im Deutschen - sehr «chinesische» Formulierungen mich allerdings manchmal ratlos hinterlassen. Und dann besitze ich noch ein tibetisches Orakel (Ulli Olvedi, MO – Das Orakel der Tibeter, O.W.Barth Verlag), für das ich einen Würfel brauche, um den entsprechenden Text zu finden.
Als meine Seele kürzlich wieder mal ins Stolpern geriet und alle Symptome einer psychischen Erkältung aufwies, griff ich daher beherzt zum Würfel, um mir meinen Zustand zumindest schriftlich bestätigen zu lassen. Letzteres ist nämlich merkwürdigerweise bereits ein kleiner Trost.
Es erstaunte mich daher keineswegs, als ich das Kapitel «Der trockene Baum» erhielt. «Bedrückter Geist, keine Essenz», stand darunter. «Wusste ich es doch», grummelte ich zufrieden in mich hinein und las weiter, bis ich zu einer Stelle kam, an der ich fast das Buch fallen liess: «Vielleicht wurden Erdgeister kürzlich gestört (durch Erdarbeiten irgendwelcher Art.) Sie sollten durch Opfergaben beruhigt werden.»
Erdarbeiten irgendwelcher Art? Vor meinem Fenster heulen die Presslufthämmer, und das Erdreich sieht aus wie nach einem Erdbeben. Kein Wunder, sind die Erdgeister entgeistert! Entgeistert war allerdings auch ich. Auf Erdgeister hätte ich meine Verstimmung nicht zurückgeführt – eher auf die baggernden Bauarbeiter. Aber das ist im Grunde gehupft wie gesprungen.
Bloss: Wie beruhige ich die Ärmsten? Welche Opfergaben erwarten sie? Bauarbeiter wären vielleicht mit Bier und Cervelat zum Stillstand zu bringen. Wenigstens für ein paar Minuten. Aber was mögen Erdgeister? «Ein wenig Nektar», empfahl mir eine Freundin. «Oder ein paar Kerne».
Du lieber Himmel! Wo nehme ich bloss Nektar her? Aber Kerne besass ich zum Glück. Ich stürmte in die Küche, schüttete aus der «Salatmischung» Sesamsamen sowie Kürbis- und Sonnenblumenkerne in ein Schüsselchen und servierte es den Geistern auf meiner Veranda. Wohl bekomm’s.
Am anderen Tag waren sämtliche Kerne weggeputzt, nur die Sesamsamen blieben liegen. (Schweizerische Erdgeister stehen offenbar auf einheimische Küche.) Aber war das schon ein Opfer? Für mich sicher nicht. Vielleicht müsste ich eher ein paar Geldscheine in Rauch aufgehen lassen – als Ausgleich für die Profitgier, die Bäume und Büsche vernichteten.
«Bist du verrückt?», flüsterte mir da eine Stimme ins Ohr. «Mach lieber etwas Nutzbringendes damit.» Also spende ich halt etwas einer Naturschutzorganisation, damit andere Erdgeister dafür in Ruhe gelassen werden. Denn wenn ich daran denke, wie viele von ihnen auf unserem Planeten in Aufruhr sein müssen, fürchte ich ernsthaft um unsere Psyche. Und letztere ist vermutlich weder mit Nektar noch mit Kernen zu beruhigen.
